Kollis Weg zum Schiri

Von Notbremsen und Stützarmen

12. April 2021, 17:01 Uhr

Die Szene, die das Fass zum Überlaufen brachte: Nürnbergs Lukas Mühl (rechts) bringt Würzburgs Ridge Munsy zu Fall, sieht aber nur Gelb. Ein Grenzfall. Foto: imago images / Daniel Marr

"Der Schiri hat doch Tomaten auf den Augen!" "Den Videoassistenten braucht kein Mensch!" Aussagen, die bei manchem Fußballfan längst zu geflügelten Worten zählen. Dass der Unparteiische die Regeln in den allermeisten Fällen richtig auslegt, wird gerne übersehen.

Thorsten Fischer wurde Sonntag besonders deutlich. Der CEO von "Flyeralarm", Hauptsponsor des Zweitligisten Würzburger Kickers, ließ nach dem 1:1 gegen Nürnberg in einem Statement verlauten, sämtliche Sponsoring-Verträge mit dem Deutschen Fußball-Bund kündigen zu wollen. Der Grund: Bereits zum elften Mal seien die Kickers in dieser Saison durch eine "spielentscheidende Fehlentscheidung" benachteiligt worden. Fischer präsentierte gar eine komplette Liste mit allen Versäumnissen.

Gegen Nürnberg kritisierten die Würzburger, dass eine Rote Karte gegen Lukas Mühl nicht gegeben wurde. Mühl war eine Kopfball-Rückgabe in Richtung des eigenen Torhüters recht kurz geraten. Kickers-Angreifer Ridge Munsy spritzte zwischen Verteidiger und Keeper und wurde vom Nürnberger zu Fall gebracht. Ein Foul, keine Frage. Aber auch eine sogenannte "Notbremse" und damit eine Rote Karte?

Genau dieses Thema war 24 Stunden zuvor im Neulingslehrgang des Kreises Lauterbach-Hünfeld diskutiert worden. Laut Regelwerk müssen fünf Faktoren für die „Verhinderung einer klaren Torchance“ erfüllt werden – umgangssprachlich als Notbremse bezeichnet: Ist die Entfernung zum Tor gering? Befindet sich der Angreifer in einer zentralen Position? Befindet sich der Stürmer auf direktem Weg zum Tor? All dies traf zu. Blieben also die letzten zwei Fragen, die Schiedsrichter Tobias Reichel dazu bewegt haben dürften, Gelb zu geben: Hat der Angreifer Kontrolle über den Ball? Schwer einzuschätzen. Zum Zeitpunkt des Fouls befand sich der Ball deutlich vor Munsy und auf Kopfhöhe. Und gibt es eine Eingriffschance eines anderen Verteidigers? Möglich scheint, dass FCN-Keeper Christian Mathenia zuerst am Ball gewesen wäre, wenn es kein Vergehen gegeben hätte. Ein Grenzfall.

Sinnhaftigkeit der Regeln kann diskutiert werden

Die Situation ist also deutlich komplexer und schwieriger, als es dem Fußballfan im ersten Moment scheint. Eine klare Fehlentscheidung liegt jedenfalls nicht vor, ein Eingriff des Videoassistenten ist nicht vonnöten. Später forderte Würzburg vergeblich einen Elfmeter, als Nürnbergs Johannes Geis im eigenen Strafraum einen Schuss mit seinem Arm blockte. Der Ball prallte an den "Stützarm" – also den Arm, den er im Fallen zum Abfangen des Sturzes brauchte –, was laut Regel seit 2019 kein strafbares Handspiel ist. Ein Thema der vorletzten Neulingssitzung.

Über die Sinnhaftigkeit der Regeln kann sicherlich diskutiert werden. Schließlich wäre der Schuss aufs und womöglich ins Tor gegangen. Doch dass der Unparteiische diese genau so auslegt, ist sein Job. Würzburgs Ärger hat sich derweil über Wochen angestaut, schließlich hatte das Zweitliga-Schlusslicht in dieser Saison oft Pech mit Schiedsrichter-Entscheidungen – was der DFB offen eingestand. Aber das Sprichwort, dass sich Glück und Pech in einer Spielzeit meist ausgleichen, kommt nicht von ungefähr. Dass der Freistoß vor dem eigenen Treffer der Hausherren sehr strittig war, war bei den Kickers im Nachgang zumindest kein Thema.

Die Highlights der Partie:

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