08.01.2019

Trotz Ungemach noch im Soll

torgranate-Analyse: VfB Ginsheim

Eray Eren ist einer der zahlreichen Abgänge in der Winterpause beim VfB Ginsheim .Foto: Ralph Kraus

Der VfB Ginsheim mischt auch im zweiten Hessenliga-Jahr im Tabellenmittelfeld mit. Ganz gesichert ist der Verein aus dem Kreis Groß-Gerau jedoch noch lange nicht. Am Mainspitzdreieck verlief die Runde nicht ohne Ungemach, denn drei verdiente Spieler haben den Verein zur Winterpause verlassen. Unsere torgranate-Analyse zeichnet den Saisonverlauf der Altrhein-Kicker nach.

So lief die bisherige Runde:

Nach der mehr als gelungen Premierensaison 2017/18, als die Mannschaft von Trainer Artur Lemm den achten Platz belegte, sollte der Weg des VfB Ginsheim wieder in das gesicherte Mittelfeld führen. Das ist dem Verein, der geographisch gesehen an Mainz und Wiesbaden grenzt, eindrucksvoll gelungen. Dem Auftaktsieg an einem extrem heißen Juli-Freitag gegen Viktoria Griesheim folgte fast ein Punktgewinn beim Spitzenteam Bayern Alzenau. Nach der 2:4-Niederlage in Unterfranken folgten wechselvolle Resultate. In drei aufeinanderfolgenden Heimspielen gab es einen Sieg und zwei Niederlagen, bevor es beim bis dato punktlosen Schlusslicht Viktoria Griesheim einen trotz Überzahl hart umkämpften 4:3-Sieg gab. Während die Anzahl der erzielten Tore mit 37 gehobenen Durchschnitt darstellt, kassierte Ginsheim in den 20 Begegnungen mit 52 Gegentreffern eindeutig zu viele. Lediglich der Tabellenletzte Ederbergland ließ mit 60 mehr Gegentore zu. Vor heimischer Kulisse kassierte der VfB gegen Hadamar (0:4), Waldgirmes (1:5) und Lohfelden (1:4) böse Heimschlappen. In acht Partien bekam der Ginsheimer Defensivverbund vier oder fünf Tore eingeschenkt.

Die beste Saisonphase hatte Ginsheim zwischen Ende September und Ende Oktober, als dem VfB vier Siege in fünf Spielen gelangen und auch die Abwehr mit einem Torverhältnis von 16:8 relativ stabil blieb. In den letzten vier Spielen war wieder ein Abwärtstrend erkennbar, was auch an der Vielzahl an personellen Ausfällen festzumachen war. Die Entwicklung war trotz des 1:1 gegen Mitfavorit Alzenau rückläufig. Insbesondere bei den beiden letzten Schlappen in der Wetterau mit dem 0:4 bei TG Friedberg sowie dem 0:5 in Bad Vilbel zeigte sich Lemms Truppe im Abwehrverhalten naiv. So sprach der Coach die Mängelliste nach dieser Partie auch direkt an: "Wir haben uns in allen Belangen schlecht verhalten. Unser Verteidigungsverhalten war unfassbar naiv, wir haben um den Strafraum herum kaum stattgefunden. Unzählige Abschlüsse des Gegners wurden zugelassen." Auf der anderen Seite war natürlich auch nicht alles schlecht: Flieden (4:0) und Eddersheim (4:1) wurden mit klaren Niederlagen heimgeschickt. In den Auswärtsspielen bei Barockstadt Fulda (4:4) und Hessen Kassel (2:2) lagen die Ginsheimer lange in Führung und mussten erst kurz vor Spielende den Ausgleich hinnehmen.

So haben die Neuzugänge eingeschlagen:

Acht Abgängen standen im Sommer zehn Zugänge gegenüber. Die Neuankömmlinge starteten mit unterschiedlichen Ambitionen in einen für Hessenliga-Verhältnisse recht großen Kader. Zudem gab es durch den Aufstieg der U23 in die Gruppenliga Darmstadt, in der die "Erste" des VfB noch vor fünf Jahren selbst spielte, für die Reservisten eine zweite Spielmöglichkeit im Unterbau. So manch einer konnte die hohen Ambitionen im ersten Saisonabschnitt nicht erfüllen. Stürmer Adnan Kizilgöz kam aus der dritten türkischen Liga und markierte in elf Partien lediglich einen Treffer. Dabei muss ihm zugute gehalten werden, dass er in zahlreichen Partien im Mittelfeld aufgestellt wurde.

Stephan Kaul konnte im VfB-Team keine Rolle spielen. Der im Sommer studienbedingt von Göttingen nach Mainz gezogene Fußballer fiel verletzungsbedingt aus und möchte nun bei einem Mainzer Verein einen Neubeginn starten. Zum Stammspieler avancierte dagegen der linke Verteidiger Jonas Dawit mit 15 Einsätzen. Der 19-jährige kam aus der U19 des Drittligisten SV Wehen Wiesbaden. Eingeschlagen hat auch Mittelfeldspieler Nico Siegert vom benachbarten Südwest-Verbandsligisten SV Gonsenheim. Das gilt auch für den Japaner Masaki Murata. Auch die Bilanz von Derrick Amoako kann sich mit 15 Einsätzen und zwei Toren sehen lassen. Keine Zukunft in Ginsheim haben Marvin Kauer und Alexander Scholz. Sie haben sich zum Jahresende abgemeldet.

In Erinnerung bleibt:

Dürfen Fußballer aus der 5. Liga am Vorabend eines Punktspieles feiern gehen? Diese Frage führte zu Meinungsverschiedenheiten zwischen einigen verdienten Fußballern und Trainer Artur Lemm sowie dem Sportlichen Leiter Marcus Spahn. Die Trennung von Kapitän Jörg Finger - immerhin seit 2014 entscheidend am rasanten Aufstieg der Altrhein-Fußballer in die Hessenliga beteiligt - resultierte aus einem unüblichen Vorfall Anfang November. Der Spieler Finger habe die Verantwortlichen vor der sonntäglichen Heimpartie gegen den FSC Lohfelden davon in Kenntnis gesetzt, dass er bereits vor einem halben Jahr Karten für eine Veranstaltung am Samstagabend in Mainz erworben habe. Zu seinen Begleitern gehörten neben dem länger verletzten Lukas Görlich noch Torhüter Lukas Langenstein. Der Verein habe den Spielern mitgeteilt, dass sie dann am Sonntag nicht spielen könnten. Trotz einer internen Absprache sei das Thema auf der Pressekonferenz nach dem Spiel aufgrund von Nachfragen von Sponsoren an die Öffentlichkeit gekommen.

Trotz weiterer Unterredungen war das Tischtuch zwischen Finger und den Verantwortlichen danach zerschnitten. Weder er, noch Langenstein wirkten in den letzten vier Spielen mit und verlassen in der Winterpause den Verein. "Der Grund für seinen Wechsel sind unterschiedliche Auffassungen zu öffentlich getätigten Aussagen der Vereinsführung“, ist dem Text zu Fingers Abgang auf der VfB-Homepage zu entnehmen. Während Görlich zu seinem Heimatverein SKV Büttelborn wechselt und Langenstein einen Auslandsaufenthalt im Rahmen des Studienabschlusses plant, verlässt Finger den VfB mit unbekanntem Ziel – auch fünf weitere Spieler verlassen im Winter den Club. In Sachen Zuschauern passierten 2380 Besucher die Tore des Jugend- und Sportparks. Das ergibt in zehn Heimspielen einen Schnitt von 238 Fans. Die Nachbarschaftsduelle gegen Griesheim (355) und Eddersheim (350) lockten die meisten Anhänger an, während gegen unattraktive Gegner wie Lohfelden und Flieden nur 150 Fans erschienen.

Ausblick:

Ginsheim steht unter Artur Lemm für spielerische Klasse und Mentalität. Zu den taktischen Varianten zählen das Gegenpressing und das schnelle Umschaltspiel. So konnte schon manchem etabliertem Gegner ein Schnippchen geschlagen werden. Es bleibt abzuwarten, wie sich die personelle Fluktuation nach dem Ungemach mit den abgewanderten Spielern auf die Rest-Rückrunde auswirkt. Neben den drei erwähnten Spielern haben noch folgende Spieler den Verein verlassen: Marvin Kauer (Spvgg. Eltville), Alexander Scholz (Ziel unbekannt), Eray Eren (FC Eddersheim) und Leo Petri (Viktoria Griesheim). Dafür hat sich Ginsheim in der Offensive enorm verstärkt: Neben dem vom TSV Schott Mainz zurückgekehrten Torjäger Mehdi Mehnatgir und der Verpflichtung von Pascal Hertlein (DJK Flörsheim) stellt der Zugang von Can Özer vom Regionalligisten Hessen Dreieich einen Transferhammer für Ginsheimer Verhältnisse dar.

Mit dem Auftakt gegen den designierten Aufsteiger FC Gießen, sowie den Auswärtsspielen in Baunatal und Hadamar hat Ginsheim ein schweres Auftaktprogramm. Danach kommen Barockstadt, Waldgirmes und Kassel auf den VfB zu. Für die Lemm-Truppe geht es darum, den Abstand auf die Gefahrenzone nicht geringer werden zu lassen. Dafür muss in den ersten sechs Spielen die eine oder andere Überraschung gelingen, ansonsten könnte es je nach Absteigerzahl noch eng werden.

Autor: Pedro Acebes

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