Neuer SGF-Coach im Interview

Reinhold Jessl betritt Neuland

23. Februar 2021, 09:12 Uhr

Trainer Reinhold Jessl verlässt nach sechs erfolgreichen Jahren den pitoresken Oberndorfer Rabengrund und heuert im Sommer im nicht minder malerischen Freiensteinau an. Foto: Bicen

Bei der Antwort auf die Frage, wer den zum Saisonende auf eigenen Wunsch ausscheidenden Erfolgstrainer Heiko Breitenberger beerbt, hat der vom Abstieg bedrohte Fußball-Gruppenligist SG Freiensteinau nicht gekleckert, sondern geklotzt und mit Reinhold Jessl (59) einen renommierten A-Lizenz-Trainer verpflichtet.

„Nur 119 Minuten stand Reinhold Jessl in Pflichtspielen für Eintracht Frankfurt auf dem Platz. 79 in der Fußball-Bundesliga, 40 im DFB-Pokal der Saison 1986/87. Dennoch hat er bleibenden Eindruck hinterlassen. Der Grund: Sein Tor in der 98. Minute zum 1:0-Endstand im DFB-Pokal-Zweitrundenspiel beim damaligen Oberligisten FSV Mainz 05 am 26. Oktober 1986 stellt bis heute den letzten Pflichtspielsieg der Eintracht bei den Nullfünfern dar“, schrieb der Wiesbadener Kurier 2018. Dass diese Serie am 9. Januar mit dem Frankfurter 2:0-Erfolg in Mainz ein Ende nahm, hat den Ex-Profi „auf jeden Fall sehr gefreut“. Reinhold Jessl ist und bleibt Eintrachtler von ganzem Herzen, in Schulferien ist er immer noch in der Fußball-Schule der SGE aktiv.

Mit dem in Freigericht-Somborn lebenden Ex-Profi, der unter Trainer Dietrich Weise mit Karl-Heinz Körbel, Andreas Möller, Thomas Berthold oder Ralf Falkenmayer in einer Mannschaft stand, hat sich die SG Freiensteinau einen Coach geangelt, der mit dem TSV Höchst, Germania Wächtersbach und dem VfB Obendorf in die Gruppenliga Frankfurt Ost aufstieg, der den SV 09 Somborn in die Verbandsliga Süd führte und der den SV Bernbach in der Hessenliga trainierte. Bis zum Saisonende steht der Frühpensionär noch beim VfB Oberndorf in der Pflicht, dann erfolgt der Umzug vom lieblichen Spessart in den rauen Vogelsberg.

Herr Jessl, sammeln Sie Fußballkreise?

Nein. Wie kommen Sie darauf?

Weil Sie als Trainer ganz schön herumgekommen sind im Hessenland. Wo waren Sie doch gleich überall?

Ja, das ist natürlich richtig. Ich war bei der Spvgg. Bad Homburg, also im Main-Taunus-Kreis, bei der TSG Wörsdorf im Kreis Wiesbaden, bei Teutonia Staden im Kreis Friedberg, in Frankfurt beim FSV und in Gelnhausen gleich dreimal beim TSV Höchst, außerdem in Lettgenbrunn, Bad Orb, Bernbach, Somborn, Wächtersbach und Oberndorf. Und in Unterfranken habe ich Michael Löffler zuliebe mal kurz als Spieler ausgeholfen. Da war ich aber schon Mitte 40, das zähle ich jetzt mal nicht.

Und jetzt also die SG Freiensteinau im Fußballkreis Schlüchtern.

Es ist eine der vielen angenehmen Begleiterscheinungen im Trainergeschäft, dass man die Gelegenheit hat, viele Menschen und neue Gegenden kennenzulernen. Dass ich noch nie in der Region Fulda gearbeitet habe, war aber kein Kriterium für meine Entscheidung.

Sondern?

Den Ausschlag haben für mich die guten Rahmenbedingungen in Freiensteinau gegeben.

Eigentlich hätte es niemanden gewundert, der Hessenligist SV Flieden hätte Sie am Samstag als Nachfolger von Zlatko Radic präsentiert. Stattdessen stellt die SG Freiensteinau Sie am Sonntag als Nachfolger von Heiko Breitenberger vor. Wie heiß war das eigentlich mit Flieden?

Das war vor allem eine Sache in den Medien. Es gab ein kurzes Telefongespräch mit Herrn Happ, mehr war da nicht.

Wie kam der Kontakt mit Freiensteinau zustande? Gab es vorher schon irgendwelche Verbindungen?

Wir haben vor zwei Jahren zwei Freundschaftsspiele gegeneinander bestritten, eines in Freiensteinau, eines in Oberndorf. Dabei habe ich Heiko Breitenberger kennengelernt.

Als der Anruf aus Freiensteinau kam: Waren Sie sich schnell einig?

Ein paar Gespräche hat es schon gebraucht, um sich gegenseitig kennenzulernen, um abzuklopfen, welche Vorstellungen man hat. Und natürlich beschäftige ich mich auch vorher mit einem Verein, hole Informationen ein und mache mir so ein Bild.

Haben sich Ihre Informationen mit dem gedeckt, was Ihnen der Verein im direkten Kontakt vermittelt hat?

Absolut. Dass die SG ein guter Verein ist, habe ich schon in den beiden Testspielen gemerkt, so etwas kriegt man ja mit. Und ja: Was ich in Erfahrung gebracht habe und was mir gesagt wurde, hat mich darin bestärkt, den Job zu übernehmen.

Nämlich?

Der Verein verfolgt eine nachvollziehbare und gesunde Philosophie und er hat strukturell viel vorzuweisen. Es gibt ein intaktes Vereinsleben mit einem hohen Maß an Gemeinschaftsgefühl, es gibt einen Förderverein, der Verein wird von der Bevölkerung angenommen, in einer Jugendspielgemeinschaft sind alle Altersklassen besetzt und das offenbar mit lizenzierten Trainern – und ein Kunstrasenplatz wird auch noch gebaut, was für die Arbeitsbedingungen eines Trainers wesentlich ist.

Was erwartet der Verein von Ihnen?

Dass ich meine Erfahrung dahingehend einbringe, Spieler zu entwickeln, zu fördern, zu verbessern, ihnen etwas beizubringen. Es kommt immer mal wieder vor, dass sich ein Spieler von früher bei mir meldet und sagt: Trainer, da habe ich etwas gelernt! Das freut einen ungemein. Und nicht umsonst habe ich mich erkundigt, ob die SG auch die A-Junioren besetzt hat, denn einen Unterbau halte ich für besonders wichtig. Da habe ich aber schnell gemerkt: Es besteht ein unbedingt gegenseitiges Interesse, junge Leute an den Seniorenfußball heranzuführen.

Was wissen Sie vom Kreis Schlüchtern und der Region Fulda? Sind Sie auch hier gut vernetzt?

Ich würde lügen, wenn ich sage: Da kenne ich mich aus. Aber in Oberndorf habe ich ganz bewusst jedes Jahr Mannschaften aus dieser Region zu Testspielen eingeladen – ganz einfach, um zu sehen, wie wird anderswo Fußball gespielt, machen die vielleicht etwas anders als wir. Wir haben neben Freiensteinau gegen Schlüchtern, Gundhelm/Hutten, Bad Soden, Flieden und Steinau gespielt. Und was die Vernetzung angeht: Ich kenne Zlatko Radic (zurückgetretener Trainer SV Flieden), ich kenne Sedat Gören, der mit Barockstadt aber wahrscheinlich in anderen Sphären schwebt, und Daniel Stolberg (Spielertrainer SV Herolz) war ja Spielertrainer der Oberndorfer Reserve. Wichtig ist halt, dass man sich auf einer fachlichen Ebene austauschen kann, dass einem der Gesprächspartner auch tatsächlich etwas über Spielanlage, Positionen, Taktik, Personal sagen kann – und will. Ich werde mich auf jeden Fall schlau machen ...

Sind Sie ein Trainer, der Wert darauf legt, Gegner zu beobachten?

Wer mich kennt, weiß, dass ich häufig auf Fußballplätzen anzutreffen bin. Wenn es der Spielplan zulässt, bin ich schon bemüht, mir persönlich ein Bild zu machen.

Kommen Sie mit festen Vorstellungen über den Fußball, den Sie mit der SG Freiensteinau spielen wollen, oder richten Sie die Spielweise der Mannschaft nach dem Material aus, das Sie vorfinden?

Es ist ja schon einmal grundsätzlich keine gute Idee, etwas zu ändern, das bereits funktioniert, nur weil es vielleicht nicht zu hundert Prozent mit den eigenen Idealvorstellungen übereinstimmt. Das kann man vielleicht in der Bundesliga machen oder bei Vereinen, die kein Problem damit haben, in hoher Frequenz Personal auszutauschen. Ich habe es immer so gehalten, dass ich mir erst einmal ganz genau anschaue, wen und was ich zur Verfügung habe, um daraus das Beste zu machen. Dass die SG Freiensteinau unter Heiko Breitenberger Stärken insbesondere im Spiel gegen den Ball und im Umschaltspiel gewonnen hat, ist mir bekannt, umgekehrt bin ich mir auch sicher, dass man weiß, wo die Defizite sind. Sicher ist eine gut funktionierende Defensive die Grundlage für ein erfolgreiches Spiel. Es gilt aber, eine gesunde Mischung herzustellen. Mit Oberndorf habe ich zum Beispiel teils herrlichen Angriffsfußball spielen lassen, das ging mit einem Kader voller Offensiv-Granaten aber auch gar nicht anders. Aber auch beim VfB mussten wir dann dahin kommen, die Abwehrarbeit zu verbessern und haben auch bei den Stürmern mehr Wert auf deren Defensivverhalten gelegt. Auf jeden Fall gilt es, geduldig zu sein. Im Laufe der Zeit wird sich bestimmt die Möglichkeit ergeben, die Rädchen Schritt für Schritt ein bisschen anders zu stellen.

Die SG Freiensteinau ist nicht für nennenswerte Aktivitäten auf dem Transfermarkt bekannt, sie genügt sich im Prinzip selbst. Ein Problem?

Würde ich gleich nach Verstärkungen rufen, wäre das der zweite Schritt vor dem ersten. Erst einmal gilt es zu gucken: Was lässt sich aus dem herausholen, was da ist? Und falls tatsächlich mal jemand geholt werden soll oder muss, dann ein oder zwei, sofern das auch wirklich passt und nicht zum Nachteil der eigenen Leute ist. Ich respektiere und akzeptiere es, wenn ein Verein nach Möglichkeit mit eigenen Leuten auskommen will. Trainer sind ja nicht ewig da und sollten daher behutsam mit der Identität eines Vereins umgehen. Da bin ich mit dem Verein auf jeden Fall auf einer Wellenlänge. Und am schönsten ist es doch, wenn man aus der eigenen Jugend jemanden einbauen kann, der der Mannschaft weiterhilft.

Die SG Freiensteinau steht in der Gruppenliga auf einem Abstiegsplatz. Auch wenn die bisherigen Leistungen Anlass zu Hoffnung geben, ist der Abstieg nicht auszuschließen. Haben Sie Ihre Zusage unabhängig von der Ligazugehörigkeit gegeben?

Ja, das ist doch klar. In einer Situation wie dieser, in der man nicht weiß, wann und ob es überhaupt weitergeht, ob die Runde annulliert oder fortgeführt wird oder man die Tabellenplätze wieder mit der Quotientenregel ausrechnet, kann ich doch nicht den Klassenerhalt zur Bedingung machen. Natürlich wäre es schön, den Verein über einen längeren Zeitraum in der Gruppenliga zu etablieren, aber ich habe schon den Eindruck gewonnen, dass man der SG Freiensteinau weiß, wie man sich einzuordnen hat. Ein Abstieg träfe den Verein wahrscheinlich weniger hart als vielleicht manch anderen Club. Dann würde man halt einen neuen Anlauf unternehmen.

Letzte Frage: Sieht man einmal von Jannik Beikirch ab, der neun der 15 Freiensteinauer Treffer erzielt hat, dann klemmt es bei der SG vor allem im Sturm. Bringen Sie Ihren Sohn Sebastian aus Oberndorf mit?

Nein. Das ist absolut kein Thema, auch wenn ich jetzt in Oberndorf und vorher in Somborn sein Trainer war. Er hat andere Pläne. Ich werde ihn nicht fragen. / oi

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