Torgranate-Analyse

Lars Schmidt musste Puzzleteile sortieren

Hessenliga: Hessen Dreieich nach Abstieg auf Konsolidierungskurs

05. Januar 2020, 05:35 Uhr

Für Lars Schmidt und Hessen Dreieich lief es nicht von Beginn an reibungslos. Foto: Tobias Konrad

Beim SC Hessen Dreieich hat sich nach dem missglückten einjährigen Gastspiel in der Regionalliga Südwest nicht nur infrastrukturell durch das ausgebaute Stadion im Hahn Air-Sportpark vieles verändert. Beim Neuanfang in der Hessenliga musste der neue Trainer Lars Schmidt notgedrungen einen riesigen personellen Neuaufbau durchziehen. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist das dem Ex-Profi mit Hilfe seines Co-Trainers Sven Kunisch eindrucksvoll gelungen, wie Rang sieben zur Winterpause belegt.

So lief die bisherige Runde:

Die Spielzeit in der Viertklassigkeit war mit nur vier Siegen, sieben Remis, aber 23 Niederlagen und dem abgeschlagenen letzten Tabellenplatz völlig desolat verlaufen. Letztlich war das Resultat der verkorksten Saison trotz der Verpflichtung einiger Ex-Profis das vorzeitige Ende der Ära Rudi Bommer und nach dem Abgang des Ex-Profis, unter dem man noch Tuchfühlung zum rettenden Ufer hatte, noch eine verheerende Niederlagenserie als Zugabe obendrein. Der vom Verbandsligisten Viktoria Urberach geholte neue Coach Lars Schmidt fand bei seinem Amtsantritt nur noch acht Akteure aus dem letztjährigen Kader vor und musste nicht nur 21 Abgänge registrieren, sondern 17 Neuzugänge nach und nach mühsam als Puzzleteile sortieren, bis er im Herbst den bunt zusammengewürfelten Haufen zu einer Einheit formiert hatte.

Einhergehend mit diesem drastischen Personalwechsel wurde zwar das erste Punktspiel in Bad Vilbel mit 3:2 gewonnen, im zweiten Spiel setzte es aber in Ginsheim mit 2:5 die erste Niederlage. In den folgenden drei Partien gab es nur einen Punkt, sodass die neuformierte Truppe Anfang September vor der Heimpartie gegen Schlusslicht FSV Fernwald schon am Scheideweg stand.

Der 3:1-Sieg verschaffte den Dreieichern zunächst etwas Luft, doch auch danach ging es noch nicht richtig vorwärts, denn zwei Auswärtsniederlagen in Eddersheim (0:2) und Griesheim (1:2) inklusive dem Hessen-Pokal-Aus bei Nord-Verbandsligist SV Adler Weidenhausen (1:2) sorgten für weiteren Frustrationsfaktor. Der Wendepunkt war indes der 2:1-Erfolg über die Barockstadt, der man trotz langer Unterzahl die erste Saisonniederlage beibringen konnte. Aufgrund einiger Nachholspiele sowie Pokalspielen musste Dreieich im Oktober acht Pflichtspiele bestreiten und blieb inklusive der besten Saisonvorstellung beim 4:0 gegen Spitzenreiter Stadtallendorf in acht Pflichtpartien ungeschlagen.

"In diesen Wochen wurde die Moral extrem gefestigt", betonte Schmidt nach dem Last-Minute-Sieg gegen den SC Waldgirmes (3:2). Im November konnte das nicht mehr so konstant in Punkte umgemünzt werden, denn drei Niederlagen warfen die Hessen zurück. Immerhin wurde mit dem 1:0-Erfolg in Baunatal - gegen die Nordhessen hatte man den ersten Vergleich eine Woche davor daheim mit 0:2 verloren - ein positiver Jahresabschluss gefunden.

So haben die Neuzugänge eingeschlagen:

Lang ist die Liste an neuen Spielern, beschränken wir uns also in erster Linie auf die wichtigsten. Da wäre zunächst Nikola Mladenovic, der es nach der Hessenliga-Meisterschaft vorzog, in die Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar zum TSV Schott Mainz zu wechseln, um nach einem Jahr zum SC Hessen zurückzukehren. Unter Schmidt hatte der 27-jährige Serbe schon bei den Sportfreunden Seligenstadt in der Hessenliga gespielt. Der defensive Mittelfeldspieler avancierte am Bürgeracker zum Dauerbrenner, spielte 1800 Minuten in 20 Spielen durch und erzielte ein Tor.

Auch Ghani Wessam Abdul spielte bei Rot-Weiss Frankfurt unter dem jetzigen Coach, kam vom Mitabsteiger Eintracht Stadtallendorf und wurde zum absoluten Leistungsträger mit 20 Einsätzen. Aber auch junge Leute wurden zu Verstärkungen wie Domagoj Filipovic, den Schmidt schon in Urberach betreute oder der von Rot-Weiss Frankfurt geholte Canel Burcu. Das trifft im Wesentlichen auch auf Enis Bunjaki (Stadtallendorf), Fabian Pfeifer (Germania Schwanheim) und Torhüter Felix Koob (Viktoria Griesheim) zu.

Der 20-jährige hatte einsatztechnisch die Nase vorne gegenüber dem routinierteren Konkurrenten Mike Wroblewski (30 Jahre/sechs Einsätze), der von Schott Mainz kam und auch schon in Frankfurt und Seligenstadt unter Schmidt zwischen den Pfosten stand. Die restlichen Neuen kamen noch nicht über wenige Einsatzzeiten hinaus. Und dann war da noch der Fall Varol Akgöz: Der Stürmer kam von Regionalligist Kickers Offenbach, absolvierte lediglich sieben Spiele und markierte drei Tore.

Sein letztes am 21. September beim 3:1 gegen den SV Steinbach. Seitdem wurde der Stürmer nicht mehr in den Kader berufen. Auf Nachfrage bei einer Pressekonferenz hieß es dazu von Trainer Lars Schmidt, der Spieler sei aufgrund einer beruflichen Veränderung im Schichtdienst tätig, nicht mehr im Trainingsbetrieb erschienen und demzufolge kein Thema mehr für den Spielbetrieb. Wie dem auch sei, zur Winterpause haben sich die Wege des Fußballers und des Vereins endgültig getrennt, Akgöz schlägt seine Zelte nun beim Ligakonkurrenten Hanau 93 auf.

In Erinnerung bleibt:

Das Tor aus der Distanz von über 60 Metern von Denis Talijan am ersten Spieltag beim 3:2-Sieg in Bad Vilbel. Die Kraftakte in den Heimspielen gegen die Barockstadt, als trotz über 70-minütiger Unterzahl die Gäste aus Osthessen besiegt wurden. Oder das 2:2 im Nachholspiel gegen Hessen Kassel, welches übrigens wegen eines Sturm- und Gewittertiefs Ende August, das Teile der neuen Dachkonstruktion der Haupttribüne in Mitleidenschaft zog, auf Mitte Oktober verlegt wurde.

Hier lag Dreieich bis zur 89. Minute 0:2 hinten und schaffte in der vierten Minute der Nachspielzeit durch Toni Reljic den Ausgleich. Der Spielmacher ließ sich sechs Tage später gegen Waldgirmes zu einer Tätlichkeit gegen SCW-Tormann Fabian Grutza hinreißen, der wie Reljic die Rote Karte bekam. Eine Sternstunde war das 4:0 gegen Stadtallendorf, als die Mittelhessen mit feinem Konterfußball deklassiert wurden. Und für die osthessischen Klubs war auf der schmucken Anlage außer einem Staunen nichts zu holen: Neben der Barockstadt und Steinbach unterlag auch der SV Neuhof (0:3).

Sicherheitstechnisch wirkt das Stadion nach dem Regionalliga-Ausflug ein wenig überzäunt. Die Umbaumaßnahmen wurden nach dem Wiederabstieg logischerweise nicht rückgängig gemacht, vieles wie die Anzahl an Security, der VIP-Raum oder die elektronischen Anzeigetafeln wirken in dieser Spielklasse überdimensioniert. Der erst 2013 gegründete Club arbeitet jedoch auch in Sachen Öffentlichkeitsarbeit hochprofessionell.

Ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um Social Media, Live-Ticker, Spielberichte und mit Jonas Schulte steht ein kompetenter Stadionsprecher aus dem Radiobusiness zur Verfügung. Die Pressekonferenz in einem eigens für Pressevertreter mit kostenlosen Verköstigungen eingerichteten Presseraum hat ebenfalls Profi-Standard. Im Vergleich zu den Bommer-Zeiten hat das Zuschauerinteresse jedoch etwas abgenommen. Nur noch 334 Zuschauer verfolgen die Partien im Schnitt im Hahn-Air-Sportpark. Zum Vergleich: Im Meisterjahr 2016/17 waren es noch 441 Fans pro Partie.

Ausblick:

Die Saison steht im Zeichen der Konsolidierung, ein direkter Wiederaufstieg war und ist unter den beschriebenen Begebenheiten kein Thema. Der ehemalige Bundesliga-Spieler Lars Schmidt (197 Erstliga-Einsätze für den Karlsruher SC) bringt nicht nur aus dem Profibereich (weitere Stationen: Mainz 05 und Kickers Offenbach) viel Erfahrung mit, sondern ist auch auf der obersten Amateur-Ebene im Rhein-Main-Gebiet ein anerkannter Fachmann. Bei zehn Punkten Rückstand auf Rang zwei und 13 Zählern Vorsprung auf Platz 14 ist ein Rang im oberen Drittel der Tabelle realistisch. Zwar startet Dreieich mit zwei schweren Auswärtsspielen in Waldgirmes und Kassel, hat dann aber mit Dietkirchen und Fernwald lösbare Aufgaben zu bewältigen. Interessant: Im April und Mai gibt der SCHD nacheinander seine Visitenkarte in Steinbach, Fulda und Neuhof ab.

Autor: Pedro Acebes

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