18.02.2019

Harakiri-Aktionen sind ausgeschlossen

Hessenligisten von einst: TGM/SV Jügesheim

Kevin Puls (links, hier im Duell mit Patrick Schaaf) gehörte zum damaligen Kader, der den Titel in der Hessenliga erreichte. Archivfoto: Charlie Rolff

In unserer Serie "Hessenligisten von einst" beleuchten wir den Werdegang jener Vereine, die in der letzten Dekade das hessische Oberhaus verlassen mussten oder sich freiwillig zurückzogen. In der vierten Folge geht es um die TGM/SV Jügesheim, die sich 2014 als Hessenliga-Meister freiwillig zwei Klassen tiefer zurückzog und mittlerweile als JSK Rodgau in der Gruppenliga Frankfurt Ost vertreten ist.

Der Fußball im Rodgauer Stadtteil ist stark von Fusionen geprägt. Aus der Historie heraus ist es wichtig zu wissen, dass es in Jügesheim drei Vereine gab: SV, TGM und die TGS. TGM und SV hatten bereits im Jahre 2004 fusioniert. Unter dem Namen TGM/SV Jügesheim gelang unter der Leitung von Ex-Profi Lars Schmidt in der Saison 2010/11 mit 82 Punkten die souveräne Meisterschaft in der Verbandsliga Süd. Das bedeutete gleichzeitig die Rückkehr in die Hessenliga für den Jügesheimer Fußball, nachdem der SVJ 2002 aus der damaligen Oberliga abgestiegen war. "Wir haben die richtigen Leute in die Mannschaft geholt und hatten unter den 17 Feldspielern wenig Verletzte und einen guten Zusammenhalt", erinnert sich der ehemalige Bundesligaspieler des Karlsruher SC. Nach dem Aufstieg folgte der Klassenerhalt und eine Saison später wurden die Jügesheimer Vizemeister. Der absolute Höhepunkt war aber die Hessenliga-Meisterschaft 2013/14, als die Schmidt-Truppe mit sieben Zählern Vorsprung vor dem OSC Vellmar den ersten Platz belegte. In jener Saison gab es keinen hessischen Regionalliga-Aufsteiger, weil kein Verein die erforderlichen Lizenzunterlagen einreichte. Auch nicht Jügesheim, obwohl man sich damals zeitweise mit den Auflagen befasst habe, die Idee aber wegen interner Unstimmigkeiten wieder verworfen habe. Stattdessen kamen die Verantwortlichen zur Erkenntnis, dass auch der Aufwand für die Hessenliga nicht mehr stemmbar sei und zogen das Team in die Gruppenliga Frankfurt Ost zurück.

Schmidts Team fiel daraufhin auseinander, sein Nachfolger wurde Andreas Humbert, der bis dahin die Reserve in der Kreisoberliga trainiert hatte. "Es war ein ganz schwieriger Moment für den Verein. Auf der einen Seite war es durchaus ein historischer Erfolg, auf der anderen Seite musste man sich eingestehen, dass man weder in die Regionalliga aufsteigen konnte, noch die Rahmenbedingungen für die Hessenliga halten konnte", erinnert er sich an schwierige Momente im Sommer 2014. Der heutige Trainer des Nachfolgevereins JSK Rodgau habe die Situation erst wahrgenommen, als der Verein nach dem Rückzug den neuen Weg mit ihm und seinem Reserveteam als Basis für den Neubeginn in der Gruppenliga gehen wollte. "Getragen hat den Neuaufbau das Team 1b mit vielen talentierten und sehr jungen Spielern. Einige Fremdspieler, meist aus unteren Ligen, mussten wir von einem Engagement überzeugen. Das war wahnsinnig viel Arbeit, die wir gemeinsam recht erfolgreich zum Abschluss gebracht haben. Mein gutes Netzwerk war da sicherlich von Vorteil", erläutert Humbert die damalige Lage, die 2014/15 den respektablen fünften Platz einbrachte.

2016 fusionierten TGM SV und TGS Jügesheim zum JSK Rodgau

Gemeinsam mit dem Lokalrivalen TGS spielte man in der gleichen Klasse und lieferte sich packende Lokalderbys. "Die waren oft rasant. Viermal haben wir gegeneinander gespielt. Die Bilanz war ausgeglichen. Ein Sieg, zwei Unentschieden und eine Niederlage mit einem Torverhältnis von 7:4 für die TGM SV. In der Tabelle waren wir in beiden Jahren vor der TGS", rechnet Humbert vor. 2015/16 spielten beide Lokalrivalen letztmals gegeneinander, danach erfolgte die Fusion zum JSK Rodgau. Keine einfache Aufgabe war es, aus zwei guten Gruppenliga-Kadern einen neuen zu formen. "Die TGS-Verantwortlichen zogen sich ein Stück weit aus der Verantwortung und die TGM/SV Leute übernahmen die Leitung. Daraus ergab sich eine Präferenz hin zu meiner Person. Ich bekam den Auftrag, das Fusionsteam zusammenzustellen, auch weil ich zwei Jahre zuvor schon bewiesen hatte, dass ich schwierige Situationen im Sinne des Vereins lösen kann", verdeutlicht Humbert. 16/17 und 17/18 war Rodgau Dritter, verpasste nur knapp den Verbandsliga-Aufstieg und liegt aktuell zur Winterpause wieder auf Rang drei. "Ich behaupte, dass es eine unglaubliche Kontinuität bedeutet und alle Verantwortlichen es geschafft haben, Stabilität in den Bereich der ersten Mannschaft zu bekommen", sieht Humbert die dritten Plätze nicht als Scheitern.

Zu den Perspektiven eines Aufstieges sagt Humbert: "Die Verbandsliga ist möglich, die Hessenliga in meinen Augen für den JSK unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht erstrebenswert. Da bleibe ich lieber Realist. Ein gesundes Augenmaß hat bisher keinem geschadet." Und weiter: "Der Verein, die Verantwortlichen bleiben dabei sehr gelassen. Wir haben mit dem SV bzw. später mit der TGM SV ja schon Erfahrungen in den nächsthöheren Ligen gesammelt. Es wäre demnach also nichts ganz Neues, mit dem man sich auf unglaubliche Euphorie stürzen würde. Im Gegenteil, alle wissen auch um die Probleme einer neuen, höheren Liga. Der Verein ist in seinen Strukturen so professionell aufgestellt, dass solch ein Unternehmen auch eine gute Basis hätte und gut geplant wäre. Es wäre keine Harakiri-Aktion wie bei so manch anderem Verein in der kürzeren Vergangenheit." Kontinuität herrscht in Rodgau auf jeden Fall auf der Trainerbank: Humbert hat unabhängig von der Klassenzugehörigkeit auch für die kommende Runde zugesagt.

Autor: Pedro Acebes

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