09.01.2020

Güldener tritt in große Fußstapfen

Hessenliga: VfB Ginsheim untermauert auch ohne Lemm seine Philosophie

Nils Fischer (links, hier neben Barockstadts Benjamin Fuß) wird Artur Lemm nach Alzenau folgen. Foto: Ralph Kraus

Im dritten Hessenliga-Jahr geht der VfB Ginsheim auf Platz sechs in die Winterpause und hat überwiegend durch eine erfrischend offensive Spielweise begeistert. Doch jetzt stehen einschneidende Veränderungen an: Der langjährige Erfolgstrainer Artur Lemm hat den Altrhein-Klub überraschend in Richtung Bayern Alzenau verlassen und führt nun mit seinem neuen Co-Trainer Baldo Di Gregorio beim Regionalliga-Aufsteiger aus Unterfranken Regie. Lemms Nachfolger, sein bisheriger Assistent Matthias Güldener, tritt in große Fußstapfen.

So lief die bisherige Runde:

Die Entwicklung des VfB Ginsheim seit der Saison 2012/13 belegt es: Jedes Jahr ging es ein Stück nach oben, immer fand tabellarisch eine Verbesserung statt. Und so ging es aus der Gruppenliga Darmstadt (12/13 Siebter, 13/14 Meister) erst in die Verbandsliga Süd, wo ebenfalls eine kontinuierliche Entwicklung stattfand: 14/15 Sechster, 15/16 Vierter mit dem Höhepunkt als Meister 16/17 und dem erstmaligen Aufstieg in die Hessenliga. Und auch dort war der VfB weiterhin einstellig zu finden: 17/18 Achter, 18/19 Sechster und jetzt wieder Sechster. Der seit 2013 am Mainspitzdreieck tätige Lemm hatte als Leitwolf großen Anteil am sportlichen Wachstum des bis dahin recht unbekannten Vereins.

Die aktuelle Runde begann Ende Juli/Anfang August mit zwei Siegen: 4:2 bei Viktoria Griesheim und 5:2 gegen Hessen Dreieich. Hier wurde schon deutlich, dass Spiele mit Ginsheimer Beteiligung oftmals mit vielen Toren verbunden waren. Das zeigt sich auch im aktuellen Torverhältnis von 55:39. Nur der KSV Hessen Kassel (59) hat mehr Treffer erzielt, defensiv gab es hingegen viele Baustellen. Fast zwei Gegentore im Schnitt pro Partie sind verbesserungswürdig, in Hadamar (0:4) sowie in Stadtallendorf (0:5) setzte es im Herbst empfindliche Klatschen.

Die erste Niederlage gab es indes am 10. August bei der Barockstadt (0:2), ehe etwas überraschend daheim gegen Griesheim verloren wurde (1:2). Aus dem Groß-Gerauer Kreis-Derby bei RW Walldorf (3:3) und den folgenden drei Siegen gab es zehn Punkte dazu, wobei die Tormaschinerie mit dem 6:2 gegen Baunatal und dem 3:1 gegen Hessen Kassel weiter lief, was auch zuvor beim SV Neuhof funktionierte. Der dortige 6:5-Erfolg war indes denkwürdig und offenbarte gar eine skurrile Note.

Klammert man das Stadtallendorf-Spiel aus, zeigte sich Ginsheim im Monat Oktober defensiv stabiler: Es gab in den restlichen vier Partien nur vier Gegentore. Gepunktet wurde weiterhin konstant, vor allem daheim war der VfB eine Macht und kassierte nur eine Heimniederlage. Auch die Barockstadt bekam die Ginsheimer Spielstärke zu spüren und unterlag mit 1:3. Vor der Winterpause wurde noch der Doppelpack gegen Hanau 93 eindrucksvoll absolviert: 4:0 und 6:1 hieß es binnen acht Tagen gegen den Aufsteiger.

So haben die Neuzugänge eingeschlagen:

Junge und hungrige Spieler, die den VfB als Plattform begreifen und hier den nächsten Schritt machen wollen, passen genau in das Anforderungsprofil der Ginsheimer. Diese Philosophie soll auch unter Güldener untermauert werden. Der Weg kann aber auch aus der Ginsheimer U23 kommen, die im Sommer den Aufstieg in die Verbandsliga Süd schaffte und somit nur eine Klasse tiefer angesiedelt ist. Innenverteidiger Daniel Thur (21) ist dafür ein Beispiel, er konnte zehn Einsätze im Hessenliga-Team verbuchen.

Der 19-jährige Johannes Tatchouop kam vom Ligakonkurrenten Viktoria Griesheim und konnte sich in der Ersten Mannschaft mit nur vier Einsätzen noch nicht durchsetzen, bekam aber im Verbandsliga-Team mehr Einsatzzeiten. Auch der 20-jährige Ozan Keskin, von Rot-Weiss Frankfurt gekommen, war mit sieben Einsätzen noch kein großer Protagonist, konnte aber immer wieder in der Zweiten Mannschaft aufgebaut werden.

Der Japaner Ryota Ishii kam 2018 vom japanisch-geprägten Verein Basara Mainz, der unter Neu-Trainer Güldener vier Aufstiege in Folge feierte. Er ist mittlerweile über die U23 zu einem festen Bestandteil des Hessenliga-Teams geworden. Das gilt auch für den defensiven Mittelfeldspieler Haris Jakubovic (14 Einsätze/3 Tore) und den zentralen Mittelfeldmann Jonas Kummer aus der U19 von Zweitligist SV Wehen Wiesbaden (12 Einsätze/1 Tor). Am besten eingeschlagen aus der jungen Garde hat der trickreiche Henok Teklab vom Regionalliga-Absteiger Hessen Dreieich (15 Einsätze/2 Tore).

Und dann war da noch der erfahrene Uwe Hesse, der Ende August aus Dreieich hinzustieß. Der gebürtige Rüsselsheimer bringt Profi-Erfahrung aus seinen Zeiten beim SV Darmstadt 98 und Jahn Regensburg mit, wo er meist in der 3. Liga spielte. Hesse und der überragende Torschütze Can Cemil Özer (18 Tore) waren als Führungsspieler für das junge Team (Durschnittsalter 24,8 Jahre) gefragt.

In Erinnerung bleibt:

Neben der aufregenden Spielweise des VfB mit teils spektakulären Ergebnissen war die Geschichte um den unrühmlichen Live-Ticker, der sich von einer Einzelperson gezielt gegen die Integrität von Artur Lemm richtete einige Zeit in aller Munde. Neben Özer zeigte auch Sturmpartner Nils Fischer mit 13 Treffern überragende Leistungen und wird ab sofort gemeinsam mit dem Japaner Masaki Murata unter Lemm bei Alzenau spielen.

Spannend waren die kreisinternen Duelle gegen Aufsteiger RW Walldorf. Im Ligaspiel fielen beim 3:3 zwei Tore in der Schlussphase und im Kreispokal-Spiel - die beiden Schwergewichte wurden einander in der 2. Runde zugelost - unterlagen die Ginsheimer an der Okrifteler Straße mit 2:3. Beeindruckend ist auch die faire Spielweise der Ginsheimer, was nicht nur Platz eins in der Fairness-Tabelle mit einer Quote von 1,65 manifestiert (zweiter dieser Wertung ist die SG Barockstadt mit der Quote 1,66).

Über die Fair-Play-Wertung ersparten sich die Ginsheimer die ersten beiden Runden im Hessen-Pokal, den sie ohnehin als Kreispokal-Sieger erreicht hatten. Sie stiegen erst im Achtelfinale ein und schalteten den SSC Juno Burg aus der Gruppenliga Gießen/Marburg mit 4:2 aus. Im Viertelfinale gab es ein weiteres denkwürdiges Spiel gegen Hessenliga-Spitzenreiter Eintracht Stadtallendorf, welches mit 3:4 verloren wurde. Die Anlage im Jugend- und Sportpark Ginsheim bietet nebem dem schmucken Vereinsheim mit Terrassenblick auf die Spielfelder optimale Trainingsmöglichkeiten.

Allerdings verfügt der Rasenplatz über kein Flutlicht, sodass Spiele unter der Woche in der dunklen Jahreszeit auf Kunstrasen steigen. Der Zuschauerschnitt ist mit 222 Besuchern pro Partie recht ordentlich. Grundsätzlich trägt der Verein, der wie Eddersheim drei aktive Senioren-Mannschaften im Spielbetrieb hat, seine Heimspiele geschlossen am Sonntag aus.

Ausblick:

Der Verlust von Trainer Lemm, aber auch der wichtigen Spieler Fischer und Murata, soll sich keinesfalls negativ auf den weiteren Saisonverlauf auswirken. Der neue Alzenauer Coach hinterlässt seinem Nachfolger Güldener ein intaktes Team mit viel Mentalität, das taktisch variabel agiert und Fußball begeisternd spielt. Sportdirektor Marcus Spahn und der Vorstand haben Güldener einstimmig zum Cheftrainer befördert, auch wenn die Vereinbarung zunächst bis zum Saisonende befristet ist. Sein Ziel ist es, die jungen Spieler möglichst noch besser zu machen und punktetechnisch über die 50 zu kommen. Denn dann wäre der VfB wieder ein Stück besser als im Vorjahr gewesen. Mit einem Spiel weniger - das Nachholspiel beim SV Steinbach soll am 22. Februar steigen - rangiert Ginsheim im Verfolgerfeld und hat sogar Tuchfühlung zum Aufstiegsrundenplatz. Der Verein hat für ein viertes Hessenliga-Jahr bereits jetzt Planungssicherheit und kann unter Güldener die hervorragende Aufbauarbeit von Artur Lemm fortsetzen. Der Klub profitiert auch von seiner geographischen Lage mit der unmittelbaren Nähe zu den Nachwuchsleistungszentren in Mainz, Wiesbaden und Darmstadt.

Autor: Pedro Acebes

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