Flieden wie Phönix aus der Asche

Beinahe-Abstieg folgt die Sensation

16. April 2021, 13:50 Uhr

Der Start der Feierlichkeiten in der Fliedener Kabine: Nach dem 2:2 in Nordshausen war Fliedens erster Aufstieg in die Hessenliga perfekt. Torwart Sven Bormann, Dirk Czekalla, Almir Secic, Coach Matthias Wilde und Mathias Schäfer (von links) singen und trinken sich langsam warm. Foto: Verein

Mit dem Aufstieg 1978 in die Verbandsliga (damals Landesliga Nord) setzte Buchonia Flieden einen Meilenstein in der Vereinsgeschichte. 18 Jahre am Stück sollte die Liga die Fliedener Heimat bleiben.

Beeindruckend waren in dieser Zeit vor allem zwei Dinge. Einerseits die solide Arbeit: Bis in die 1990er-Jahre hinein hatte die Buchonia nie etwas mit dem Abstieg zu tun, landete immer irgendwo im Mittelfeld zwischen den Plätzen vier (1982, 1987, 1991) und zehn (1984 und 1989). Dazu kam, dass es den Fliedenern immer wieder gelang, das Team so umzubauen und zu gestalten, dass jüngere Akteure den Platz der erfahrenen Spieler übernahmen, die „in die Jahre“ gekommen waren.

Dann aber wurde es haarig: 1991/1992 stand die Buchonia erstmals am Abgrund. Erst in einem Entscheidungsspiel schaffte Flieden den Klassenerhalt. 2300 Zuschauer mussten am Fuldaer Gallasiniring lange zittern, ehe Günter Zinkand in der 83. Minute das erlösende 1:0 gegen Hessen Hersfeld erzielte. Im letzten Moment war Flieden dem Abstieg von der Schippe gesprungen.

Nach zwei ruhigeren Jahren hing der Klassenerhalt 1994/1995 dann erneut am seidenen Faden. Diesmal musste Flieden in die Relegation, die legendär wurde. Erster Gegner der Viererrunde war zu Hause der SV Weidenhausen. Nach dem Führungstor durch Steffen Arndt (14.) lief zunächst alles nach Plan. Doch das sollte sich schnell ändern: Binnen vier Minuten sahen die Fliedener Christoph Schäfer (29., Nachtreten) und Klaus Gitter (33., Handspiel auf der Torlinie) Rot. Neun Fliedener konnten nicht verhindern, dass Weidenhausen das Spiel in ein 1:2 drehte. Doch die Moral war unbändig. Oliver Happ (69.) glich aus, und die dezimierten Fliedener gingen durch Stefan Schmidt (74.) sogar in Führung. Die Stimmung kochte, die Emotionen waren überwältigend. Selbst nach dem Ausgleich zum 3:3. Was dann los war, als Flieden trotz doppelter Unterzahl erneut durch Oliver Happ das 4:3 (90.+3) erzielte? Jeder Superlativ würde den Tatsachen spotten.

Der Rückschlag kam im zweiten Spiel beim 1:1 in Hosenfeld, weswegen Flieden die letzte Partie in Bad Hersfeld gegen Tuspo Ziegenhain zwingend gewinnen musste. Es wurde der Tag, an dem sich Uwe Klug im „Königreich“ unsterblich machte. Dank der überragenden Leistung seines Torwarts schafften Trainer Thomas Reith und sein Team mit dem 2:0 doch noch den Klassenerhalt. Selbst heute sagen viele, es sei unmenschlich gewesen, was Klug an diesem Tag alles parierte.

In doppelter Unterzahl zum Klassenerhalt

Dieser Klassenerhalt war die Grundlage für die größte Sensation in der nunmehr 109-jährigen Vereinsgeschichte, die der neue Trainer Matthias Wilde, der im Sommer 1995 übernahm, damals so beschrieb: „Viele haben uns prophezeit, dass dies unsere letzte Saison in der Verbandsliga sein würde – sie haben recht behalten.“ Bloß: Die Skeptiker gingen vom Abstieg aus, stattdessen folgte durch die Sensations-Meisterschaft der erstmalige Aufstieg in die Hessenliga. „Das war damals ein Wunder. Niemand, wirklich niemand hatte damit gerechnet“, erinnert sich Winfried Happ, damals wie heute Vorsitzender der Buchonen. Obwohl es gleich am zweiten Spieltag beim 1:3 in Germania Fulda die erste Niederlage setzte, spürte das Umfeld, dass sich etwas geändert hatte.

Die stabile Defensive um Christoph Schäfer, Klaus Gitter, Markus Bohl, Stefan Schmidt, Bernd Larbig oder Carsten Prock war ein Garant des Aufschwungs. Dazu hatte die Buchonia in Sven Bormann und Uwe Klug zwei herausragende Torhüter, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen pushten. Und so übernahm Flieden nach sieben Siegen aus den ersten acht Spielen Anfang Oktober die Tabellenführung und wurde nach einem 2:0-Heimsieg gegen den Verfolger KSV Baunatal Herbstmeister. Außerdem kam Spielglück hinzu. Beispielsweise im Topspiel bei der SG Borken, die damals lange Zweiter war. Über 1000 Zuschauer pilgerten zum Schlagerduell in den Wald an die Spielstätte in Freudenthal. Steffen Arndt schoss in der 88. Minute per Elfmeter das 1:0-Siegtor.

Mehr und mehr kristallisierte sich heraus, dass das Unfassbare möglich ist. Und am 30. April 1996 sollte es so weit sein: Ein 2:2 beim SV Nords-hausen brachte den Titel. Bis dieser eingetütet war, hatte Flieden nur zwei von 26 Partien verloren. Es folgte ein Empfang in Flieden, der wohl für immer unerreicht bleiben wird. Hunderte Menschen samt Spielmannszug empfingen ihre Helden im Ort. Der anschließende „Tanz in den Mai“ in der TV-Turnhalle und alles, was in den Tagen danach passierte, wird als einmaliges Erlebnis in die Historie eingehen.

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