Verletzungsrisiko für Spieler nimmt zu

Alter und BMI sind die entscheidenden Faktoren

10. Juni 2021, 13:56 Uhr

Foto: Kevin Kremer

Durch das Ausdehnen der Wettbewerbe auf europäischer Bühne sowie immer häufigere Länderspiele werden die Erholungsphasen für Profifußballer kürzer. Auch der Spielplan im Amateurfußball hat sich verändert, eine Saison mit an die 40 Spiele liegt im Bereich des Möglichen. Was dadurch steigt: das Verletzungsrisiko.

Als Bayern München 1969 das erste Double der Vereinsgeschichte einfuhr, kamen in beiden Wettbewerben gerade einmal 13 Spieler zum Einsatz. Mehr als 50 Jahre später haben sich die Vorzeichen komplett verändert. In der Saison 2019/2020 trugen 29 Spieler zum Triple bei – wobei einige allerdings nur einen Kurzeinsatz hatten.

Längere Verletzungspausen galten in den 1970er Jahren noch als Ausnahme. Inzwischen stehen den Trainern aufgrund von diversen Blessuren pro Spieltag zumeist vier oder fünf Akteure nicht zur Verfügung. Nachdem Anfang der 80er Jahre HSV-Spieler Jürgen Milewski dieses Schicksal als einem der ersten Spieler wiederholt widerfuhr, soll sein Trainer Ernst Happel gegrantelt haben: „Wenn wir lauter Milewskis in der Mannschaft hätten, könnten wir den Laden dichtmachen.“ Immerhin erzielte der kleine Stürmer während seiner sechsjährigen Zeit beim HSV 48 Tore in 130 Bundesliga-Spielen. Sein Spitzname „der Gläserne“, den später etwa auch Arjen Robben erhielt, war jedoch geboren. Gegen Spieler aus der heutigen Generation wie Marco Reus, die Bender-Zwillinge oder eben Arjen Robben wirkte Milewski jedoch sogar noch wie ein Dauerbrenner.

Auswertungen haben ergeben, dass sich statistisch zwei Spieler pro Partie eine Verletzung zuziehen. Jede vierte davon ist eine erneute Verletzung der schon in der Vergangenheit betroffenen Körperregion, wobei zumeist dasselbe Band, derselbe Muskel oder dasselbe Gelenk betroffen ist. Für rund die Hälfte der Blessuren sind Gegenspieler verantwortlich; fast jeder zweiten Verletzung ist eine Prellung ursächlich, gefolgt von Verstauchungen (20 Prozent) und Muskelzerrungen (10 Prozent). Distorsionen (Verstauchungen) des oberen Sprunggelenks sowie Kniegelenkstraumata (zum Beispiel: der berühmt berüchtigte Kreuzbandriss) führen am häufigsten zu längeren Ausfallzeiten.

An dritter Stelle folgt der Kopf des Spielers. Nach einem Kopfballduell etwa kann der Spieler eine klaffende Platzwunde davontragen. Bayern Münchens Dieter Hoeness hat diese Art der Verletzung während des DFB-Pokalfinals gegen den 1. FC Nürnberg 1982 durch das anschließende Tragen eines „Turbans“ bekannt gemacht.

Unterschenkelbrüche, Adduktorenreizungen sowie die Verletzungen des Syndesmosebandes (Halteband zwischen Waden- und Schienbein) tauchen ebenfalls häufig in der Verletzungshistorie eines Profis auf. In diesem Zusammenhang haben wir den Allgemeinmediziner und Sportwissenschaftler Professor Dr. Dr. Dr. Christoph Raschka (60) befragt, der in Hünfeld eine Praxis betreibt und an der Universität Würzburg lehrt. (Siehe „Sechs Fragen“ unten.)

Werden heute höhere Anforderungen an einen Übungsleiter als noch vor 50 Jahren gestellt, um das Training derart zu dosieren, dass Verletzungen möglichst vermieden werden?

Die in Deutschland exzellente Fußballlehrer-Ausbildung umfasst natürlich entsprechende sporttraumatologische Inhalte zur Minimierung der Zahl der Sportverletzungen und Sportunfälle im Fußball sowie die Grundlagen der Belastungssteuerung.

Hat das Gros der Vereine vielleicht auch gerade deshalb eigens einen Fitness- beziehungsweise Athletiktrainer eingestellt, die sich speziell diesem Teil des Trainings widmen?

Inzwischen hat natürlich jede höherklassige Mannschaft eigene Athletiktrainer. Diese fokussieren sich darauf, individuelle Schwachstellen der Lizenzspieler zu ermitteln und diese gezielt zu verbessern. Sie nutzen dazu fußballspezifische Testverfahren. Mit der konditionellen Optimierung geht eine Minimierung des fußballspezifischen Risikos einher.

Gibt es Spieler, die fußballerisch erstklassig veranlagt sind, deren Körper aber nicht für den Profisport geeignet scheint?

Genau zu dieser Thematik hatte ich eine Doktorarbeit vergeben, die im vergangenen Jahr erst publiziert worden ist. Verglichen wurden hier die Verletzungen und Körperbautypen von 233 deutschen Profifußballerinnen (Nationalmannschaft, 12 verschiedene Bundesliga-Vereine). Auffällig war insbesondere eine signifikante Häufung von Kreuzbandverletzungen bei einem höheren Body-Mass-Index (BMI). Ähnliche Ergebnisse wurden von anderen Wissenschaftlern sogar im Rugby vorgelegt, so dass man davon ausgehen kann, dass Ballspieler mit einem höheren BMI etwas verletzungsanfälliger sein dürften.

Bayerns Thomas Müller wirkt nach außen nicht unbedingt wie ein Spitzenathlet, ist aber so gut wie nie verletzt. Was macht er besser oder anders als etwa Marco Reus, die Bender-Zwillinge oder Arjen Robben? Oder ist er einfach robuster?

Was wir in einer umfassenden Studie statistisch belegen konnten, hat Thomas Müller, der sich ja einmal selbst spaßhaft als Mann ohne Muskeln definierte, in einem Interview eindrucksvoll zusammengefasst. Er versuche deshalb, nicht „zu muskulös zu sein wie der eine oder andere Spieler“. Als Grund führte er an: „Ich denke nämlich, dass meine Knochen länger halten, wenn sie weniger Gewicht tragen müssen.“ Unterstrichen wird diese Erkenntnis sicherlich durch die Beobachtung, dass sehr muskulöse Spieler wie zum Beispiel Jérôme Boateng im Laufe ihrer Karriere immer verletzungsanfälliger wurden.

Das Spiel hat in den vergangenen Jahrzehnten enorm an Intensität gewonnen, was Schnelligkeit, Laufbereitschaft und Athletik anbelangt. Beginnt der Körper auch angesichts des immer enger getakteten Spielplans allmählich zu streiken?

Schon nach einem lockeren Muskelstoffwechsel-Training mit niedrigen Gewichten und 25 Wiederholungen pro Übung benötigt man ein bis zwei Tage, bis man sich wieder voll erholt hat. Selbst Trainierte kommen mit nicht weniger als einem Tag aus. Nach einem Maximalkraft-Training sind es fast vier volle Tage. Je jünger der Körper ist, desto schneller kann er regenerieren. Dies erklärt zum Teil, warum ältere Athleten, die mehr Zeit zur Regeneration benötigen, häufiger verletzt sind. Wie lange die Regenerationsphase angesetzt werden muss, ist individuell verschieden. Erst wenn die Muskeln nach ein bis drei Tagen einsatzbereit sind und der Muskelkater völlig verschwunden ist, sollte die nächste Trainingseinheit beginnen.

Gibt es Ihrer Ansicht nach einen Königsweg, um eine Vielzahl an Verletzungen abwenden zu können? Wenn ja, welchen?

Meines Erachtens sollte der Spielplan entzerrt werden. Erhöht sich die Spielfrequenz (etwa durch Teilnahme an nationalen und internationalen Wettbewerben, Pokal, Meisterschaft, Einsätze in der Nationalmannschaft, etc.), muss die Last für den individuellen Spieler beziehungsweise seinen Körper eigentlich auf mehrere Schultern verteilt werden. Dies bedeutet, dass ein Verein, der auf mehreren Hochzeiten tanzt, einen größeren Kader benötigt. Außerdem sollten die Nationalspieler in weniger wichtigen Ligaspielen geschont werden.

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