Damals...

Hohmann: Diese Euphorie berührt mich heute noch

Als Borussia Fulda in der aus allen Nähten platzenden Johannisau Nürnberg ein 1:1 abknöpfte

13. Dezember 2019, 18:00 Uhr

Der spätere Zweitligatorschützenkönig Olivier Djappa (Zweiter von rechts) steigt zum Kopfballduell mit dem heutigen Werder-Manager Frank Baumann hoch. Archivfoto: Charlie Rolff

Es war der 25. August 1996, der bis heute fest in den Köpfen vieler Fans des osthessischen Fußballs verankert ist: An diesem Tag empfing der SC Borussia Fulda in der Regionalliga Süd den 1. FC Nürnberg.

18?000 Zuschauer sorgten in der Johannisau für eine nie mehr dagewesene Stimmung.

18.000 Zuschauer im restlos ausverkauften Fuldaer Stadion erlebten eine der Sternstunden des Fuldaer Fußballs: Borussia war unter Trainer Martin Hohmann gerade erst als Hessenligameister in die damals drittklassige Regionalliga aufgestiegen und hatte deutschlandweit schon zum Auftakt für mächtig Furore gesorgt. Titelanwärter Wacker Burghausen (ein paar Jahre später Zweitligist) wurde am ersten Spieltag sensationell mit 5:0 aus dem Stadion geschossen. Es folgte das 3:0 beim Mitaufsteiger Quelle Fürth und dann eben jenes Spiel daheim gegen Nürnberg. Niemand hätte für möglich gehalten, dass man den großen Traditionsverein als Tabellenführer empfangen würde, aber genau so kam es.

„Das Stadion ist damals aus allen Nähten geplatzt. Es war eine unglaubliche Euphorie und ein Wahnsinnsgefühl, als wir das Stadion betreten haben“, erinnert sich Martin Hohmann gerne zurück.
Zumal die Borussia ein klasse Spiel machen sollte und den späteren Meister an den Rand einer Niederlage drängte. In der 67. Minute ging der SCB durch Olivier Djappa in Führung. Herausragend dabei die Vorarbeit von Marco Fladung, der zwei Nürnberger außen vernascht hatte und für seinen Sturmpartner auflegte. Und es war mehr drin. Djappa besaß kurz danach die dicke Chance zum 2:0 und auch Andreas Schmier hatte die Entscheidung auf dem Fuß. So aber erzielte der heutige Manager des SV Werder Bremen, Frank Baumann, neun Minuten vor dem Ende den Ausgleich, als er eine Wiesinger-Flanke zum 1:1-Endstand einköpfte.
Das Lob vom damaligen Nürnberger Trainer Willi Entenmann war entsprechend: „Am Ende muss man sagen, dass wir sogar Glück hatten. Gratulation an diese Fuldaer Mannschaft und das Engagement des Vereins“, so der ehemalige Bundesligatrainer.

Doch Borussia Fulda wäre nicht Borussia Fulda gewesen, hätte sich nicht auch schon damals ein kleines dunkles Wölkchen über den unvergessenen Tag in der Johannisau gelegt. Denn nur wenige Minuten nach dem Spiel erklärte Fuldas damaliger Vizepräsident Dr. Thomas Möller seinen sofortigen Rücktritt. Die Fuldaer Zeitung schrieb damals, dass Möller seiner Organisationsrolle erneut nicht nachgekommen wäre. „Ich erwarte seinen Rücktritt bis Dienstag“, polterte der Vorsitzende Dieter Udolph. Möller war noch schneller und trat noch am Spieltag am Sonntag um 22.41 Uhr, also knapp drei Stunden nach Abpfiff, zurück.

Vizepräsident nimmt drei Stunden nach Abpfiff seinen Hut

Martin Hohmann ballt die Fäuste: Der heute 57-Jährige war ein Macher des Fußball-Hochs in Osthessen.

„Es war halt immer was los bei uns“, sagt Martin Hohmann schmunzelnd, „aber ich glaube nicht, dass so eine herausragende Zeit so schnell wiederkommt. Es lief ja auch alles rund: Die Betreuer um Thomas Beyerle, Manager Horst Ruland, die Spielerfrauen – alle haben ihren Teil zu diesem Erfolg beigetragen. In der Zeit haben sich viele Freundschaften gefunden: Altin Lala und Cesar Thier haben in der Zeit als „fremde“ Spieler hier in Osthessen ihre Frauen kennengelernt, Olivier Djappa hat mit seiner Frau in Fulda seine neue Heimat gefunden, genauso Zlatko Radic oder Eldar Hasic. Das war etwas ganz besonderes.“

Auch die Fannähe sei einmalig gewesen. „Nach jedem Spiel ging es rüber ins Vereinsheim, oft bis spät in die Nacht. Da wurde mit den Fans gesprochen, diskutiert, getrunken. Und so hatten wir ein einmaliges Einzugsgebiet. Die Leute kamen durch die Nähe von überall her. Neulich war ich in Reha, da habe ich einen Mann kennengelernt, der kam regelmäßig aus Coburg zu unseren Heimspielen“, ist Hohmann baff.

Speziell an das Nürnberg-Spiel denkt der ehemalige Trainer noch heute begeistert zurück. „Was nach unserem Tor passiert ist, das vergesse ich nie mehr. Da ist das Stadion fast explodiert. Der Hype, die Euphorie, die Freude der Menschen – das war einzigartig und berührt mich noch heute.“ Und auch der „Club“ hinterließ Eindruck. „Ich weiß noch genau, wie wir in den Nürnberger Bus hineindurften. Da gab es damals schon durchweg Liegesitze, Fernsehgeräte, Kühlschränke. Das war ein krasser Spagat zwischen Provinz und Bundesliga.“

Die Statistik von damals:

Borussia Fulda: Cesar Thier; Jörg Meinhardt, Kelvin King (46. Andreas Schmier), Kai Möller, Thomas Freier, Zlatko Radic (85. Oliver Happ), Andreas Wischermann, Bardo Hirsch, Marco Fladung, Jürgen Kreß (46. Eldar Hasic), Olivier Djappa.
1. FC Nürnberg: Goran Curko; Carsten Keuler, Ivica Simunec (53. Kemal Halat), Armin Störzenhofecker, Frank Baumann, Christian Hassa, Michael Wiesinger, Henning Bürger, Mirza Golubica (65. Andras Tölceres), Heiko Oechler, Vits Rimkous (46. Markus Kurth).
Schiedsrichter: Volker Wezel (Tübingen). Zuschauer: 18.000 (ausverkauft). Tore: 1:0 Olivier Djappa (67.), 1:1 Frank Baumann (81.). / kr

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