Damals...

Als sechs Hünfeldern noch ein Remis gelang

Damals...: Im Herbst 1991 erleben die HSV-Kicker zwei unvergessliche Landesligaspiele

12. Dezember 2019, 07:02 Uhr

Seit den Geschehnissen von Hönebach im November 1991 dürfte das Verhältnis zwischen Sven Bednarek (links) und Jürgen Weilmünster nicht das beste sein. Archivfotos: Rolff

Der Hünfelder SV feierte dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen – auch die Fußballer: Da bleibt es nicht aus, dass die bei weitem größte Anzahl an Spielen längst in Vergessenheit geraten ist. Zwei Begegnungen aus dem Herbst 1991 haben es jedoch in die Annalen des Vereins geschafft.

Hünfeld spielte damals Landesliga, was die vierthöchste Klasse bedeutete. Eine der in den 1990-er Jahren prägendsten Hünfelder Figuren war der aus Kirchhasel stammende Michael „Lui“ Rausch. Dieser war über die Zwischenstation Eiterfeld auf der Rhönkampfbahn gelandet. Am 12. Oktober stand das Auswärtsspiel beim schier übermächtigen KSV Baunatal an, der Hochkaräter wie etwa den späteren Eintracht-Profi Mirko Dickhaut in seinen Reihen hatte. „Wir hatten uns ehrlich gesagt überhaupt nichts ausgerechnet und daher noch am Abend vor dem Spiel ausgiebig den Geburtstag eines Mitspielers gefeiert“, verrät Rausch.

Und in der Tat wurde Hünfeld im mit nur 200 Besuchern besetzten riesigen Parkstadion vom KSV regelrecht an die Wand gespielt. Doch wuchs ein Hünfelder an diesem Tag über sich hinaus: Torhüter Jörg Klomfass schien tausend Arme und Beine zu haben. Klomfass war der Fels in der Brandung, hatte aber auch noch einige Nothelfer, weiß „Lui“: „Klomfass war einmal schon geschlagen, doch Sven Bednarek hat für ihn auf der Linie geklärt. Geistesgegenwärtig ist er aber unmittelbar danach an den anderen Pfosten geeilt und hat nochmals den Ball von der Linie gekratzt. Warum er in der Situation so entschieden hat, weiß er wahrscheinlich heute noch nicht.“

Den ersten echten Entlastungsangriff starteten die Hünfelder nach sage und schreibe 68 Minuten über Martin Müller und eben Lui Rausch. Dieser passte zu Bothe, der das 1:0 markierte. Baunatal antwortete mit wütenden Gegenangriffen, wurde aber ein zweites Mal nach 90 Minuten ausgekontert – Torschütze Mario Malsch. „Wie wir dieses Spiel gewinnen konnten, weiß ich bis heute nicht. Baunatal war uns in allen Belangen überlegen“, schüttelt Rausch, mittlerweile 52 Jahre alt und Trainer der D-Jugend der TSG Mackenzell, noch immer ungläubig den Kopf. Nach dem Schlusspfiff soll ein verzweifelter Baunataler Anhänger zur Leistung von Klomfass gesagt haben: „Der hat ja mehr Arme als ein Tausendfüßler Beine.“

Nur vier Wochen später gab es ein weiteres Highlight im Spiel beim ESV Hönebach, wo Rauschs ehemaliger Eiterfelder Übungsleiter Werner Schlacher das Trainerzepter schwang. Schiedsrichter der Partie war Jürgen Weilmünster und gespielt wurde an jenem 9. November auf dem Nebenplatz, der hinter einem der beiden Tore von einem Hang umgeben war, was im Laufe der Partie noch Grundlage für eine weitere lustige Anekdote werden sollte. Zunächst verlief die Partie in die vom HSV gewünschte Richtung. Karl-Josef „Kalle“ Müller brachte sein Team bereits früh in Front (6.). Doch nur fünf Minuten später musste Torhüter Klomfass nach einer Notbremse das Spielfeld verlassen.

Edelfan "Luutsch" kullerte den Hang herunter

Und es kam noch dicker für die Haunestädter: Es folgten nämlich weitere Rote Karten gegen Hubertus Vilmar (41., Foulspiel) und Sven Bednarek (58., Trikotziehen im Strafraum mit anschließendem Elfmeter für Hönebach). Zu allem Überfluss hatte sich Tommy Hohmann nach Vilmars Platzverweis auch noch eine Zehn-Minuten-Zeitstrafe wegen Meckerns eingehandelt. Und auch Mario Malsch musste sich das Spielgeschehen einmal für zehn Minuten von außerhalb anschauen.

Hünfeld lag ab der 58. Minute mit 1:2 im Rückstand und schaffte mit nur sechs Feldspielern durch „Lui“ tatsächlich noch den Ausgleich (82.). Dieser löste bei Hünfelds am Hang mitfiebernden, inzwischen schon verstorbenen Edelfan Wolfgang „Luutsch“ Beck, eine derartige Begeisterung aus, dass er beim Jubel das Gleichgewicht verlor und den Hang herunter kullerte. Kurz darauf wäre sogar noch der Sieg möglich gewesen. Ein Schuss von Rausch klatschte jedoch nur an den Pfosten. Hünfelds Trainer Wolfgang Dittrich meinte nachher stolz: „Ich muss meiner Mannschaft für ihren Kampfgeist und ihre tolle Moral ein dickes Kompliment aussprechen.“ Und ein HSV-Anhänger mutmaßte, „dass der Unparteiische in seiner Kindheit wohl zu oft ,Zehn kleine Negerlein’ gespielt hat.“ Erst kürzlich schickte der mittlerweile 55-jährige Großenlüderer Referee bei einem B-Liga-Spiel zwischen Welkers II und Elters/Eckweisbach/Schwarzbach II gleich vier Gästespieler mit Rot vom Platz.

Bei „Lui“ Rausch löst der Name Jürgen Weilmünster auf jeden Fall einen Automatismus aus: „Er ist durch sein Auftreten ja sozusagen ein Mann der Öffentlichkeit geworden. Immer, wenn ich seinen Namen höre oder lese, muss ich auch an diese Partie in Hönebach denken.“ Gut möglich, dass auch bei Weilmünster diese Begegnung vom 9. November 1991 in Erinnerung haften geblieben ist und Erwähnung in seinem angekündigten Buch „Howie – ich erzähle alles. Ein Schiedsrichter packt aus“ Erwähnung finden wird. / rd

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