17.10.2019

Wer salutiert, muss mit Strafen rechnen

Umgang mit dem Militärgruß in der Region

Horst Holl vertritt eine dezidierte Meinung zum "Militärgruß". Foto: Ralph Kraus

Die schweren Vorfälle in Bulgarien, als die Heimfans Englands dunkelhäutige Nationalspieler mit Affenlauten verunglimpften und ihnen den Hitlergruß entgegenstrecken, sorgten in der Länderspielpause genauso für Schlagzeilen wie der Militärgruß der türkischen Nationalspieler beim Torjubel.

Die Bilder zeigen, dass Sport und insbesondere Fußball – mal wieder – für politische Statements instrumentalisiert werden. Vor allem die klare Haltung von Teilen der türkischen Nationalmannschaft sorgt auch in Deutschland für Diskussionen, zumal die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can ein entsprechendes Jubelbild bei Instagram mit einem Herz versehen hatten, dieses später allerdings wieder löschten. Türkische Spieler hatten den Siegtreffer gegen Albanien und das Tor zum 1:1-Endstand in Frankreich zur militärischen Ehrenbekundung genutzt, salutierten vor den Fans und zeigten so ihre Verbundenheit zu den in Syrien eingesetzten türkischen Soldaten. Die UEFA hat Ermittlungen eingeleitet, zahlreiche Politiker und Vereine haben sich bereits zu den Vorfällen geäußert. Auch in deutschen Amateurklassen sind erste Fälle des umstrittenen Torjubels aufgetaucht.

In der Fußballregion Fulda allerdings noch nicht, wie Horst Holl (Rotenburg an der Fulda) auf Nachfrage bestätigt. Der Vorsitzende des Regionalsportgerichts hat bislang noch keinerlei Informationen seitens des Hessischen Fußball-Verbandes erhalten, wie mit solchen Fällen umgegangen werden soll. Er stellt jedoch genau wie Verbandsfußballwart Jürgen Radeck (Ortenberg) klar, dass der HFV unpolitisch sei. Holl rechne jeden Tag mit einer Handlungsempfehlung des Verbandes und legt sein eigenes Rechtsverständnis dar: „Für meine Begriffe stellt ein solches Salutieren, sofern ein kausaler Zusammenhang zur politischen Motivation hergestellt werden kann, eine diskriminierende Handlung dar und muss entsprechend sanktioniert werden.“

Kausaler Zusammenhang muss bestehen

Für Holl, ein Mann klarer Worte, ist der erste entsprechende Fall im osthessischen Fußball nur eine Frage der Zeit, da der „große Fußball“ gemeinhin als Vorbild, auch als schlechtes, des Amateurfußballs tauge. Erwartbar ist, dass Schiedsrichter bis zu einem offiziellen Statement des HFV keine Sanktionen gegen Spieler und Vereinsverantwortliche verhängen, jedoch solche Handlungen im Spielbericht vermerken werden und somit in nächster Instanz das Sportgericht auf den Plan rufen. Spielern blühen laut den entsprechenden Ordnungen Sperren von mindestens 4 bis maximal 36 Spielen. Verhalten sich Zuschauer oder Verantwortliche fehl, kann der Verein belangt werden.

Mit Holls erwarteter Herangehensweise würde der HFV vielen anderen Fußballverbänden unter dem Dach des DFB folgen, die sich bereits klar positioniert haben. So machte beispielsweise Verbandsspielleiter Josef Janker deutlich, dass der Bayerische Fußball-Verband es nicht dulden werde, „dass jemand unseren Sport für Diskriminierungen, Provokationen und Beleidigungen missbraucht“. Fußball stehe für „Fairplay, Respekt, Gewaltfreiheit, Toleranz und Anerkennung“, deshalb werde der BFV „von unserer Linie der Null-Toleranz-Politik bei gewalttätigen oder diskriminierenden Vorfällen auch keinen Millimeter abweichen“.

Kücükler will als Vorbild dienen

Dass Fußball nicht für politische Haltungen missbraucht werden darf, findet Ibrahim Kücükler. Der Spielertrainer des A-Ligisten Türkischer SV Fulda bezeichnet sich selbst als unpolitisch. Das Verhalten der türkischen Nationalspieler beurteilt er zwiegespalten, heißt das Salutieren prinzipiell nicht gut, glaubt aber, „dass dies nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Spieler hinter dem Einsatz stehen, sondern vielmehr zeigen, dass ihr Mitgefühl bei den Landsmännern ist, die ihr Leben aufs Spiel setzen müssen.“

Kücükler will seinen Spielern in den anstehenden Partien als gutes Vorbild dienen und ihnen mit auf den Weg geben, dass sie entsprechende Gesten unterlassen sollen, „weil Politik in den Bundestag gehört und auch Dinge wie Diskriminierung und Glaubensfragen keinen Platz im Fußball finden dürfen.“

Pressemitteilung des HFV im Wortlaut:

Inzwischen hat der HFV auch eine Pressemitteilung zum Thema rausgegeben. Diese veröffentlichen wir nachfolgend im Wortlaut:

"Der militärische Gruß der türkischen Fußball-Profis während der letzten beiden Länderspiele der Qualifikation zur Europameisterschaft gegen Albanien und in Frankreich hat eine öffentliche Diskussion über politische Bekundungen im Rahmen von Fußballspielen ausgelöst. Ihr politisches Bekenntnis zum Militäreinsatz türkischer Streitkräfte in Nordsyrien zur Bekämpfung der Kurdenmiliz YPG wird international kritisiert. Am vergangenen Wochenende kam es auch auf Hessens Fußballplätzen zu provozierendem Torjubel. Der Hessische Fußball-Verband appelliert an seine Vereine, die Fußballplätze frei von politischen Gesten und Statements zu halten.

Unter dem Dach des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) darf jeder Fußball spielen, der sich an die 17 Fußballregeln hält und den Fairplay-Gedanken respektiert, ungeachtet von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, sexueller Orientierung oder Herkunft. Politische Willensbekundungen - wie zum Beispiel der „Salutier-Jubel“ - verstoßen gegen das politische Neutralitätsgebot des HFV und können ein unsportliches Verhalten im Sinne der Strafordnung des HFV darstellen. Vorfälle dieser Art werden daher konsequent an die zuständigen Sportgerichte zur weiteren Rechtsverfolgung abgegeben.

„Der Fußball darf nicht als politische Bühne missbraucht werden. Ein solches Verhalten dulden wir nicht und kann spürbare Strafen nach sich ziehen“, so HFV-Vizepräsident Torsten Becker. Bei schuldhaftem Verhalten können Fußballspieler wegen unsportlichen Verhaltens gemäß § 21 HFV-Strafordnung bis zu zwölf Spiele gesperrt werden, gegen Vereine können Geldstrafen bis zu 1.500 Euro und / oder Punktabzug verhängt werden.

Darüber hinaus soll aber auch der präventive Ansatz weiter verfolgt werden. Dazu gehören der Dialog und die weitere Sensibilisierung von Spielern, Vereinen und Schiedsrichtern. Dies ist zum Beispiel im Rahmen von „Fairplay Hessen“ möglich."

Autor: Johannes Götze

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