09.01.2018

Mit Charme und Kommunikation punkten

Olivia Depta gehört in der Gruppenliga zu den Etablierten

Olivia Depta (Mitte) betont, dass die Schiedsrichterei im reinen Frauengespann am meisten Spaß macht. Foto: Charlie Rolff

Wessen Bachelor-Thesis das Thema „Sanktionen und Entscheidungsambivalenz am Beispiel der Schiedsrichterin“ zierte und dazu noch selbst pfeift, der muss den Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Unparteiischen erklären können. Olivia Depta (25) hat mittlerweile auch ihren Master in Arbeits- und Organisationssoziologie absolviert und kann dementsprechend auch wieder mehr an ihrer Karriere mit der Pfeife arbeiten.

Wer kennt’s nicht? Sonntagnachmittag, eine halbe Stunde vor Anpfiff des Kreisklassekicks und der erste ruft: „Oh Mann, heute pfeift ’ne Frau“, der nächste tuschelt: „Was für ein nettes Mäuschen“ und der dritte will als Gentleman glänzen und erklärt: „Ist doch ganz egal, ob ’ne Frau oder ein Kerl pfeift.“ Die Sprüche kennt Depta zu Genüge, gerade die aus der Anfangszeit blieben hängen: „Du bekommst solch ein Getuschel immer mit, wirst dadurch noch etwas unsicherer, weil du noch nicht das ganz große Selbstvertrauen hast.“

Depta war gerade 17 Jahre alt, als sie ihre ersten Seniorenspiele pfiff. Schon ein Jahr später stieg sie in die Gruppenliga auf, in der sie seither aktiv ist. Mittlerweile gehört sie zu den arrivierten Unparteiischen der Klasse, genießt einen exzellenten Ruf und ist landauf, landab akzeptiert. Ein paar unverbesserliche Zeitgenossen sondern zwar immer noch ihre Sprüche ab, doch die liefern mittlerweile höchstens noch ein kaum wahrnehmbares Hintergrundgeräusch – auch weil Depta auf dem Platz versteht, wie sie ihre Waffen einsetzen kann, inklusive der weiblichen. „Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Schiedsrichter und Schiedsrichterin. Wir Frauen haben Möglichkeiten, mit Charme zu spielen, mal ein Lächeln über die Lippen gleiten zu lassen.“

Und selbst wenn die Spieler sich den einen oder anderen Machospruch nicht verkneifen können, hat Depta eine Menge Spielraum: „Du darfst dich nicht auf alles einlassen, darfst auch schon mal was ignorieren, aber auch einen Spruch zurückfeuern oder eben auf die Kommunikationsschiene setzen, davon bin ich ein Freund.“ Den Charakter des Spielers gelte es dabei kennenzulernen und zu hinterfragen. Erst wenn die Grenzen überschritten sind, greift Depta in die Tasche.

"Bibianas Aufstieg war goldrichtige Entscheidung"

Charme und insbesondere Selbstvertrauen sind ohnehin ständige Begleiter und gerade für die pfeifende Frau unabdingbar. Depta strotzt nur so vor Selbstvertrauen, wirkt deshalb aber weder selbstverliebt, noch läuft sie Gefahr, Arroganz auszustrahlen. Das ist entscheidend für die Wirkung auf die Spieler. Bibiana Steinhaus werden ähnliche Tugenden nachgesagt. Dass die Hannoveranerin die erste aus Deptas Zunft ist, die in der Bundesliga pfeift, war für die 17 Jahre jüngere Kollegin eine goldrichtige Entscheidung, „weil das die logische Konsequenz ihrer Leistungen darstellt, Bibiana dazu einen hohen Wiedererkennungswert durch ihr Auftreten besitzt und auch die hohen körperlichen Anforderungen vorbildlich umsetzt.“

Körperlichkeit ist etwas, bei dem Depta durchaus neidisch zu den männlichen Kollegen blickt, „weil sie es einfach leichter haben, die Laufprüfungen zu bestehen. Die gehen zwei Tage vorher mal auf die Laufbahn, ich bereite mich dafür zwei Monate vor“. In dieser Hinsicht sind die Anforderungen gleich, die körperlichen Konstitutionen aber völlig verschieden. Ansonsten ist der Unterschied im Bereich Gruppenliga aufwärts zwischen Mann und Frau nicht mehr groß, entscheidend ist bei den meisten Zuschauern und Spielern die Leistung auf dem Platz: „Ich glaube, dass ein 18-Jähriger genauso ausgetestet wird wie eine 18-Jährige“, erinnert sich Depta noch mal an ihre Anfangszeiten, in denen sie schnell mit profundem Regelwissen punktete. Dies nicht zuletzt, weil sie von 2011 bis 2016 Lehrwartin der Schlüchterner Schiedsrichter gewesen ist – in extrem jungem Alter.

Doch auch wegen des stressigen Studiums musste sie zwischenzeitlich kürzertreten, auch weniger pfeifen. Vergangenheit. Seit kurzem ist die Eckardrotherin bei der Sodener Firma „Woco“ für Ausbildung und Personalentwicklung zuständig und will sich wieder mehr der Schiedsrichterei widmen. Vielleicht Hessenliga? Vielleicht Frauen-Bundesliga, in der sie schon assistiert? Das Rüstzeug dafür hat Olivia Depta komplett beisammen und weiß: „Selbst wenn es es nicht weiter nach oben gehen sollte, habe ich durch die Schiedsrichterei unfassbar viel fürs ganze Leben gelernt – fast ausschließlich positive Dinge.“

Auf geht's, werde Schiedsrichter!

In den kommenden Monaten bieten alle vier Fußballkreise Neulingslehrgänge an. Die Kosten dafür übernimmt in aller Regel dein Verein. Mindestalter ist 12 Jahre und eine gewisse Fußballaffinität sollte vorhanden sein. Anmeldungen sind direkt beim HFV möglich.

Kreis Hersfeld-Rotenburg: 20. Januar bis 27. Januar in Weiterode
Kreis Schlüchtern: 5. Februar bis 16. Februar in Herolz
Kreis Lauterbach-Hünfeld: 17. Februar bis 10. März im Raum Hünfeld
Kreis Fulda: 18. Februar bis 4. März in Rönshausen

Autor: Johannes Götze

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