12.01.2018

Lutz Wagner über Kritik, Druck und Qualität

"Dafür gibt's auch Schmerzensgeld"

Gerade als junger Schiedsrichter ist man schnell Kritik ausgesetzt. Wie kann dem entgegengewirkt werden?

Es wird mittlerweile flächendeckend ein Patenprogramm eingeführt. Der junge Schiedsrichter pfeift ein Spiel, muss sich von den Eltern wer weiß was anhören. Damit alleine klarkommen ist verdammt schwer. Und jetzt ist jemand dabei, der ihn ein wenig schützt und vielleicht auch mal zu den Eltern geht, wenn’s ein bisschen zu wild wird, aber danach auch mit ihm die Dinge aufarbeitet. Das Patenprogramm bietet Orientierung – und die brauchen gerade Neulinge.

Das Ziel ist dementsprechend, dass weniger Neulinge schnell aufgeben...

Wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass uns die meisten Schiedsrichter im ersten halben Jahr wieder verlassen – bevor sie überhaupt richtig dabei sind. Sie haben noch nicht das dicke Fell. Sie pfeifen das zweite Spiel und werden übelst kritisiert und beschimpft. Man weiß ja, wie Eltern oftmals sind. Und dann hört dieser Neuling auf, obwohl er vielleicht ein richtig Guter geworden wäre. Davor muss man den jungen Schiedsrichter schützen.

Angenommen, der Schiedsrichter bleibt dran. Wie entwickelt er sich sinnvoll weiter?

Man entwickelt sich nicht weiter, wenn man nur daran denkt, wo einer was angeprangert hat. Manchmal schießt man einen Riesenbock, aber es passiert nichts, weil der Ball ins Aus geht und niemand will was. Wenn du vorankommen willst, dann beschäftigst du dich mit dem Fehler unabhängig von der Wirkung. Weil beim nächsten Mal vielleicht nicht das Glück Pate steht und der Ball nicht ins Aus geht, sondern im Gegenangriff das spielentscheidende Tor fällt. Schon hat man einen riesen Aufschrei. Deswegen ist es so wichtig, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Selbst wenn alle sagen, dass das prima war, muss man für sich analysieren und sagen: Mensch, da hatte ich zwar Glück, aber da muss ich trotzdem dran arbeiten.

Und dann nimmst du als Schiedsrichter auch eine Menge fürs Leben mit…

Genau richtig. Man beschäftigt sich mit Konflikten, muss für eine gute Sache eintreten. Im Prinzip will man dem, der sich an die Regeln hält, Recht verschaffen. Man hat was Gutes im Sinn, muss Widerstände überwinden, muss sich einerseits unterordnen und andererseits behaupten können. Was in 90 Minuten passiert, passiert im „normalen“ Leben in einer wesentlich längeren Zeitspanne. Wenn man was vor 80.000 im Bundesliga-Stadion durchbringt, bringt man das auch vor acht oder zehn Leuten durch. Das ist eine Schule fürs Leben.

Was würden Sie also letztendlich einem 14-Jährigen sagen, warum sich die Schiedsrichterei lohnt?

Unabdingbar sind Neugierde und Grundbereitschaft. Wer angefangen hat, braucht dann auch eine gewisse Nachhaltigkeit, eine gewisse Zähigkeit, darf nicht bei den ersten Niederschlägen aufgeben. Denn es wird sich lohnen. Und im Nachhinein, das wird jeder Schiedsrichter bestätigen, denkt man an die vielen positiven Erlebnisse. Wenn man einen älteren Schiedsrichter fragt, sagt der meist: „Mensch, was ich alles erzählen könnte. Wo ich war, was ich für Menschen kennengelernt habe. Es waren tolle Begegnungen, ich könnt’ ein Buch schreiben.“

Zur Person:

Lutz Wagner (54) ist seit 1971 Schiedsrichter des SV 07 Kriftel. Von 1994 bis 2010 leitete er 197 Bundesligaspiele, kommt in Summe auf 450 Profispiele. Seit 2010 ist er Leitender Koordinator des DFB für Regelauslegung und Umsetzung von den Bundesligen bis zur Basis und gleichzeitig Leiter der Nachwuchs- und Talentförderung in Deutschland. Er tritt als professioneller Redner in Firmen wie Verbänden auf und wurde dafür auch ausgezeichnet. Der verheiratete Familienvater engagiert sich auch sozial: Als Fair-Play-Botschafter des „Deutschen Fußballbundes“, als Toleranzbotschafter im „Hessischen Fußballverband“ und für „Ballance Hessen“ und als Förderer der „Fußball Academy“ sowie der „Leberecht-Stiftung".

Auf geht's, werde Schiedsrichter!

In den kommenden Monaten bieten alle vier Fußballkreise Neulingslehrgänge an. Die Kosten dafür übernimmt in aller Regel dein Verein. Mindestalter ist 12 Jahre und eine gewisse Fußballaffinität sollte vorhanden sein. Anmeldungen sind direkt beim HFV möglich.

Kreis Hersfeld-Rotenburg: 20. Januar bis 27. Januar in Weiterode
Kreis Schlüchtern: 5. Februar bis 16. Februar in Herolz
Kreis Lauterbach-Hünfeld: 17. Februar bis 10. März in Roßbach
Kreis Fulda: 18. Februar bis 4. März in Rönshausen

Autor: Johannes Götze

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