05.01.2018

"Erhaltung so wichtig wie die Gewinnung"

Christoph Schröder über Schiedsrichter-Schwund

Christoph Schröder kennt Gründe des Schiedsrichterschwunds. Foto: privat

Nein, die Zahlen erfreuen auch Christoph Schröder (44) nicht. Der Öffentlichkeitsbeauftragte für Schiedsrichter im Hessischen Fußballverband weiß, dass die Schiedsrichter weniger werden, immer mehr Spiele nicht besetzt werden können. Der Buchautor spricht im Rahmen unserer Schiedsrichter-Serie mit uns über mögliche Gründe.

Wieviel Fluch ist die anhaltende Schiedsrichter-Debatte in der Bundesliga für die Unparteiischen im Amateurbereich?

Ich habe das Gefühl, dass Vereine und Vereinsverantwortliche sehr gut zwischen Profifußball und Amateurbereich trennen können. Klar malt da einer mal scherzhaft ein Viereck in die Luft, doch die Spieler kennen schon den Unterschied. Und das ist ja auch nicht neu: Ich erinnere mich an die ganz schwachen Schiedsrichterleistungen bei der WM 2014. Da kamen zu Saisonbeginn die Vereinsverantwortlichen auf uns zu und meinten: Gell, wir machen das so, wie wir es schon immer gemacht haben.

Dennoch scheint sich die Debatte schadhaft auszuwirken, schließlich sinkt die Zahl der Schiedsrichter in Hessen immer mehr…

Vielleicht ist die Debatte nicht besonders förderlich, aber sie ist garantiert nicht das Hauptproblem. Ich sehe da ganz andere Probleme. Eine mittelfristige Tendenz ist seit Jahren das Freizeitverhalten der jungen Leute. Als ich Ende der 80er-Jahre angefangen habe, war die Welt noch eine andere, da gab’s nicht viel mehr als Freunde und Fußball. Heute hast du unendliche reale und virtuelle Möglichkeiten, dazu werden die schulischen Anforderungen höher, der Leistungsdruck größer.

Also ein typisches gesellschaftliches Problem. Da passt leider auch der Umgang mit den Schiedsrichtern ins Bild…

Es herrschen nicht überall so sonnige Zustände wie bei euch in Fulda vor. Es ist doch nicht verwunderlich, dass ein Schiedsrichter, der in seinen ersten drei Spielen permanent beleidigt wird, dann auch sagt: In Zukunft ohne mich. Autoritäten werden nicht mehr in dem Maße respektiert und geschützt, wie das zu meiner Anfangszeit der Fall gewesen ist. Und andererseits besteht auch nicht mehr der Drang, eine Autorität zu sein.

Das Problem ist also nicht die Gewinnung, sondern die Erhaltung der Referees?

So ist es. Und dafür gibt es Programme, die mindestens ebenso wichtig wie die Gewinnung sind. Beispielsweise ist im DFB-Masterplan das Mentorenprogramm verankert, bei dem junge Schiedsrichter von einem erfahrenen Kollegen begleitet werden. Noch einen Schritt weiter geht der Tandem-Schiedsrichter, bei dem zwei Schiedsrichter zusammen das Spiel leiten. Hierfür wird aktuell intensiv in einer Arbeitsgruppe um den Hessenliga-Schiedsrichter Patrick Haustein gearbeitet.

Förderlich war aber sicherlich auch nicht gerade die Herabsenkung des Pflichtsolls von 15 auf 12 Spiele. Der Verbandsfußballballwart Jürgen Radeck bezeichnete dies kürzlich als Fluch der guten Tat…

Wir haben ja keine Probleme, genügend und auch keine Probleme, qualifizierte Hessenliga-Schiedsrichter zu finden, denn in die Klasse will jeder. Wir haben aber Probleme, alle C-Liga-Spiele zu besetzen – ein Zustand, den es früher nicht gab. Unser Verbandsschiedsrichterobmann Gerd Schugard ist dahingehend im regen Austausch mit den anderen Beteiligten. Von Schiedsrichterseite müssen wir natürlich bestrebt sein, das Soll wieder leicht anzuheben, denn – und da kann ich nur Gerd Schugard zitieren – wir haben zu viele Schiedsrichter die nur 12 bis 14 Spiele pfeifen und damit nicht den notwendigen Beitrag leisten, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.

Sie selbst haben dutzende Anekdoten als Schiedsrichter erlebt, sie sogar im Buch „Ich pfeife“ zu Papier gebracht. Sind es die Anekdoten, die die Schiedsrichterei ausmachen?

Ich kann jetzt nur von mir persönlich sprechen: Ich war in dieser Saison lange verletzt, habe deswegen nur ein einziges Spiel pfeifen, dafür aber 30 beobachten können. Und das Spiel, das ich gepfiffen habe, bleibt hängen. Kreisliga A im Odenwald: Es hat nach Rasen gerochen, es war Kampf zu spüren, ein aufgeweichter Boden. Nachher haben wir bei einem Bierchen übers Spiel geplaudert. Das macht Spaß, dafür gehst du raus.

Zur Person:

Christoph Schröder (44) ist seit 30 Jahren Schiedsrichter für den SV 07 Nauheim. Zeitweise leitete er bis zur Hessenliga Spiele, ging vor dieser Serie freiwillig zurück in die Kreisoberliga und beobachtet nun auf DFB-Ebene auch Schiedsrichter in der Frauen-Bundesliga und den höchsten Juniorenklassen. Schröder ist freier Journalist, lebt in Frankfurt und ist der Öffentlichkeitsbeauftragte der Schiedsrichter im Hessischen Fußballverband.

Auf geht's, werde Schiedsrichter!

In den kommenden Monaten bieten alle vier Fußballkreise Neulingslehrgänge an. Die Kosten dafür übernimmt in aller Regel dein Verein. Mindestalter ist 12 Jahre und eine gewisse Fußballaffinität sollte vorhanden sein. Anmeldungen sind direkt beim HFV möglich.

Kreis Hersfeld-Rotenburg: 20. Januar bis 27. Januar in Weiterode
Kreis Schlüchtern: 5. Februar bis 16. Februar in Herolz
Kreis Lauterbach-Hünfeld: 17. Februar bis 10. März im Raum Hünfeld
Kreis Fulda: 18. Februar bis 4. März in Rönshausen

Autor: Johannes Götze

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