10.02.2018

Die gute Seele: Der Abschied währte nur kurz

Roy alias Stefan Müller ist Löschenrods Multitalent

Hermanen-Urgestein Stefan Müller (Mitte) ist treuer Schalker. Bei einem Besuch in Gelsenkirchen mit Spezi Jan Gierczak (rechts) traf "Roy" den Eurofighter Ingo Anderbrügge.

So anekdotenreich wie die fußballerische Vita von Stefan Müller ist, so vielfältig ist auch die Auswahl an Spitznamen, die die Koryphäe aus Löschenrod in seinen bisher 57 Lebensjahren verpasst bekommen hat. Ob Onkel Stevie, Eisi, Müllermeier, Roy oder Cognac: Bekannt wie ein bunter Hund ist der Erste Vorsitzende und Rekordspieler der Hermania allemal.

In Sachen Halbwertszeit von Rücktritten hat Stefan Müller im vergangenen Jahr den Rahmen gesprengt: Am 25. Juli bestritt er mit alten Weggefährten im Rahmen der 70-Jahr-Feier der SG Löschenrod sein Abschiedsspiel im Seniorenbereich der Hermania, nicht mal drei Wochen später musste er schon wieder die Schuhe für seine Reservespielgemeinschaft Kerzell/Löschenrod, deren Betreuer er seit dreieinhalb Jahren ist, schnüren. „Wir hatten halt keine Leute“, erklärt das Vereinsurgestein pragmatisch.

Ähnlich spontan wie zum Reserve-Obmann ist der frühere Jugendleiter und Vize-Vorsitzende der SGL vor mehr als 21 Jahren auch zum Amt des Vereinschefs gekommen. „Es wollte kein anderer machen, da habe ich gesagt: Gut, wir probieren das mal ein Jahr lang. Das hat nicht ganz geklappt“, nimmt es Stefan Müller mit einem Lächeln. Die SG Löschenrod ist nicht zuletzt sein Verein. Schließlich ist Roy, wie er am liebsten genannt werden will, nicht nur Erster Vorsitzender, sondern Betreuer der Reserve und Schiedsrichter für die SGL.

Seine ganze Jugend über hatte der selbständig für die Firma Eismann tätige Verkäufer in Eichenzell gespielt, da man in seinem Jahrgang in Löschenrod keine Mannschaft zustandebekam. Müller agierte im Mittelfeld, meist aber noch defensiver als Vorstopper oder Libero. Als er gerade in den Seniorenbereich aufrücken sollte, brach er sich ohne Fremdeinwirkung den Knöchel. Ungeachtet dessen spielte er bis 38 bei den Herren, stieg in die A-Liga Süd (heute vergleichbar mit der Kreisoberliga auf), ehe er sich den Alten Herren des Vereins anschloss.

Ein Spiel mit den Alten Herren, allerdings denen seines Jugendvereins FC Eichenzell, ist dem Rekordspieler der Hermania (über 1500 Spiele) besonders in Erinnerung geblieben: „2011 spielten wir im Rahmen der Eichenzeller Sportwoche gegen die Traditionself von Schalke 04 um Rüdiger Abramczik“, denkt Müller, der seit einem Spiel der Knappen mit Idol Norbert Nigbur bei Kickers Offenbach Anfang der 70er Jahre ein Anhänger der Königsblauen ist, gerne zurück. Auch weil ihn zwei Jahre vor dem Freundschaftskick ein Knorpelschaden vierten Grades im Knie ereilt hatt. „Dr. Rügamer, ein aus Löschenrod stammender Chirurg, war sehr skeptisch, dass ich jemals wieder spielen würde können. Aber durch einen Tipp eines Physios bei dem Freundschaftsspiel in Eichenzell, der mir riet, einfach ein Fahrrad zu kaufen und damit zur Arbeit zu fahren, hat sich das Knie wieder super erholt. Und ich habe es dem Doc gezeigt“, erzählt Müller lachend.

Den eigenen Sohn rausgeschmissen

Die Kämpfernatur hat ihre Leidenschaft auch an die beiden Kinder weitergegeben: Tochter Jasmin ist für Frauen-Verbandligist TSV Poppenhausen am Ball, Sohn Timo spielte bis vor wenigen Jahren, teilweise unter seinem Vater, in der Reserve, der 27-Jährige ist demnächst aber für die Bundeswehr erst mal in Mali stationiert. Mit seinem Sohnemann hat Stefan Müller auch einiges durchgemacht: „Einmal hat ihm ein Gegenspieler mal einen Kniff in die Kronjuwelen verpasst, Timo hat ihm lange nach dem Spiel dann noch eine verpasst. Da habe ich ihn anschließend erst einmal rausgeschmissen“, reflektiert Müller ganz unverblümt.

Wenige Jahre später sollte der Filius Schuld daran tragen, dass der 57-Jährige fünf Bierkisten spendieren musste. „Das war in der B-Liga-Meistersaison 2012/2013“, erinnert sich Müller zurück. Vor dem Gastspiel in Neuenberg hatte Löschenrod 99 Treffer erzielt, „wir standen mit mehreren Väter am Spielfeldrand und wetteten, wessen Sohn den 100. Treffer erzielt.“ Timo Müller spielte seinerzeit in der Abwehr, kam nach einem Doppelpass aber unweigerlich zum Abschluss und traf. „Ich hab’ die Kisten dann natürlich gerne spendiert“, betont Müller schmunzelnd, zumal die damalige Meisterschaft in seinen Augen mit zu den schönsten der SG Löschenrod zählte. „Es ging unter Tony Rausch endlich wieder bergauf. Es folgten geile Jahre, in denen es ja uns bis in die Kreisoberliga trug.“ In dieser Liga sieht der Vereinschef seine erste Mannschaft gut aufgehoben, „die A-Liga wäre auch kein Beinbruch. Wichtig ist mir, dass die Zweite nicht in die C-Liga absteigt.“

Bis 60 möchte Stefan Müller noch seinem Hobby nachgehen. Dann soll Schluss sein mit dem Fußball, „ohne den ich beruflich sicher mehr Geld hätte verdienen können, weil ich flexibler gewesen wäre. Aber für mich hatten Fußball und die SG Löschenrod immer einen großen Stellenwert im Leben.“ Ob es wirklich so kommt, das sei mal dahingestellt, schließlich hätte Müller, der auch in der Löschenroder Fastnacht und Feuerwehr engagiert ist, auch nie gedacht, dass er noch einmal Schiedsrichter werden würde. „Den Schein habe ich gemacht, weil wir zu wenige Schiedsrichter hatten und ein Punktverlust drohte.“ Sein Betreuer in den ersten Spielen war mit Lars Hütsch (Margretenhaun) ausgerechnet der Referee, mit dem er sich zehn Jahre zuvor vor dem Sportgericht auseinandergesetzt hatte. „Als ich da eine Jugendmannschaft betreut habe, hat er uns bei einem Spiel um die Meisterschaft in Thalau verpfiffen. Es ging vor Gericht, weil ich ihn angeblich einen Betrüger genannt hätte. Dabei habe ich nur Schaumschläger zu ihm gesagt. Heute geben wir uns die Hand, ist doch klar.“

Bleibt nur noch die Frage nach den vielen Spitznamen des Stefan Müller. „Die meisten sind an langen Abenden in Sporthäusern geboren worden, manche kamen durch meinen Beruf zustande. Am besten gefällt mir Roy, den hat mir Matthias Böhm mal verpasst.“ Wie hingegen der Spitzname Cognac aus der Taufe gehoben wurde, bleibt ein Rätsel: „Das war, meine ich, mal in einer langen Nacht in Eichenzell plötzlich mein Name. Nur, dass es an diesem Abend nicht einen Schluck Cognac, sondern lediglich Asbach Uralt gab.“

Autor: Christian Halling

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