15.12.2017

An die Pfeife, fertig, los...

Johannes Götze über Erfahrungen als Schiedsrichter

Torgranate-Redakteur Johannes Götze. Foto: Charlie Rolff

Winterzeit ist Serienzeit. Wir wollen euch, liebe Leserinnen und Leser in viele Bereiche des Fußballs mitnehmen. Und auch in einen, der immer etwas zu kurz kommt und mittlerweile fast vom Aussterben bedroht ist: die Schiedsrichterei.

In unserer Serie möchten wir aufzeigen, warum es immer schwieriger wird, genügend Schiedsrichter am Wochenende zu stellen. Warum es sich lohnt, zu pfeifen. Wir wollen aufzeigen, was nötig ist, den Schiedsrichter-Schein zu erwerben und wie man dabei seinem Verein helfen und das Taschengeld aufbessern kann. Anfang des kommenden Jahres werden alle vier hiesigen Fußballkreise Neulingslehrgänge durchführen, Anmeldungen sind bereits möglich. Zum Start der Serie möchte ich Ihnen meine ersten Schiedsrichtererfahrungen näherbringen:

Erste Erfahrungen als Schiedsrichter

Nein, eine Bierlaune war es nicht, die mich dazu trieb den Schiedsrichter-Neulingslehrgang zu absolvieren. Vielmehr waren die Knie und Sprunggelenke kaputt, nicht mehr fürs Fußballspielen tauglich und so dachte ich mir: Meldest du dich halt mal an und schaust, was passiert. Ein paar Jährchen nach der Jahrtausendwende saß ich also fünf Tage im Sargenzeller Sportlerheim, hörte fleißig zu, lernte, dass es in den abstrusesten Situationen quasi immer Schiedsrichterball als Spielfortsetzung gibt (ein Insiderwitz, den wohl nur ein Schiedsrichter versteht) und schnitt zumindest so gut ab, dass mich die Ansetzer gleich auf C-Jugendliche losließen.

Ungefähr ein Jahr später, ich konnte immerhin mit dem damals nach grenzenloser Freiheit riechenden Motorroller zu den Spielen fahren, flatterte die erste Ansetzung für ein Seniorenspiel ins Haus: Kirchhasel II gegen Großenbach II. Mehr Derby geht in unseren Hünfelder Breitengraden kaum – auch wenn das Spiel natürlich unterste Liga war. Kurz überlegte ich sogar, das Spiel zurückzugeben, weil ich quasi jeden Spieler der beiden Teams kannte. Bei Großenbach spielte mein Onkel und auch einer der besten Kumpels meines Vaters. Eine Alt-Herren-Truppe. Bei Kirchhasel standen hingegen die jungen Wilden auf dem Platz, die auch bei meinen Geburtstagen aufschlugen, mit denen ich auf Kirmesabenden die ersten bittersüßen Alkoholerfahrungen sammelte. Doch ich gab das Spiel nicht zurück, stattdessen fieberte ich auf jenen Sonntag hin.

Am Sonntagvormittag stieg dann doch der Puls: Das erste Mal ein Seniorenspiel zu pfeifen, und selbst noch nicht mal Auto fahren dürfen; Geht das wirklich gut?! Um kurz nach 12 stieg ich auf meine Aprilia, fuhr – gezwungenermaßen – in gemäßigtem Tempo die paar Kilometer nach Kirchhasel und war dort quasi allein. Unterste Klasse, da ist der Treffpunkt für die Spieler gerne mal erst eine halbe Stunde vor Anpfiff, ich war ganz pflichtbewusst 55 Minuten vor dem Spiel zugegen. Also dachte ich: ausgiebige Platzbegehung. Die war aber noch gar nicht möglich, die Linien noch nicht markiert.

Dem Schock folgten wahnsinnig schöne Momente

Und dann bog auch schon mein Onkel um die Ecke, drückte mir ein paar Sprüche auf und lachte. Mir war nicht zum Lachen zumute, der Puls stieg weiter, der Anpfiff rückte näher und nicht nur gleißende Mittagssonne trieben mir Schweißperlen auf die Stirn. Passkontrolle also. Und das war – soviel hatte ich schon gelernt – der perfekte Zeitpunkt, um ein paar Sympathiepunkte zu sammeln und sich Respekt zu verschaffen. Ein paar launige Sprüche von mir in Richtung der wohlbekannten Gesichter, und es konnte losgehen.

Das Spiel war einseitig. 7:3 ging es für die Großenbacher Reserve aus – oder so ähnlich. Mein Onkel traf, der Kumpel meines Vaters auch – sogar von der Mittellinie. Der Umgang war respektvoll und freundschaftlich. Alle Aufregung schien vollkommen umsonst, obwohl eine Elfmeterentscheidung doch ganz schön knifflig und vielleicht sogar falsch war. Doch dann passierte es: Fünf Minuten vor Schluss knallte es nach einer schnellen Drehung in meinem ohnehin schon kaputten rechten Knie. Ich wartete auf die nächste Unterbrechung, holte die Kapitäne herbei und erklärte ihnen, dass ich die letzten Minuten höchstens aus dem Stand zu Ende bringen könne. „Kein Problem“, meinten sie, „sind wir in der B-Liga ja gewohnt“. Dann war Schluss, ich vollkommen erleichtert und gleichzeitig schmerzerfüllt. Ein sich fürsorglich kümmernder Physio eilte herbei und war sich sicher: „Das Außenband ist kaputt“. So war es dann auch.

Doch den Spaß nahm mir das nicht. Ganz im Gegenteil, denn ich hatte richtig Blut geleckt. Wunderbare Spiele als Assistent in der Gruppenliga, als Einzelkämpfer im unteren Seniorenbereich und den Junioren-Gruppenligen folgten. Unzählige Anekdoten wie eine gemeinsame Geburtstagsfeier mit Fabian Kallée und seiner Mannschaft in der Niederaulaer Gemeinschaftsdusche, spontane Kirmesbesuche in Wippershain oder stundenlanges Verweilen in der Rothemanner Schiedsrichterkabine mit Jörg Dehler und zahlreichen Schiedsrichterkameraden könnte ich zum Besten geben. Und jetzt fragt ihr, warum der nicht mehr pfeift: Das Knie wollte ein paar Jährchen später gar nicht mehr. Schade eigentlich. Sehr schade sogar.

Auf geht's, werde Schiedsrichter!

In den kommenden Monaten bieten alle vier Fußballkreise Neulingslehrgänge an. Die Kosten dafür übernimmt in aller Regel dein Verein. Mindestalter ist 12 Jahre und eine gewisse Fußballaffinität sollte vorhanden sein. Anmeldungen sind direkt beim HFV möglich.

Kreis Hersfeld-Rotenburg: 20. Januar bis 27. Januar in Weiterode
Kreis Schlüchtern: 5. Februar bis 16. Februar in Herolz
Kreis Lauterbach-Hünfeld: 17. Februar bis 10. März im Raum Hünfeld
Kreis Fulda: 18. Februar bis 4. März in Rönshausen

Autor: Johannes Götze

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